Leserbrief

Liebe kennt (keine) Grenzkontrollen

Bis vor zwei Monaten glaubte ich, dass ähnliche persönliche Geschichten, die sich zwischen den Zeilen der Chronik verstecken, nur zur Vergangenheit symbolischer Orte für Tragödien wie Berlin oder Sarajevo gehören würden. Heute jedoch erleben Elvira und ich das gleiche Drama und mit uns wer weiß wie viele andere.
Was wir verbrochen haben? Wir lieben uns, führen seit fast zwei Jahren eine Beziehung und planen, ein gemeinsames Zuhause und eine Familie aufzubauen, haben jedoch zwei getrennte Wohnsitze (Udine und Salzburg) sowie zwei unterschiedliche Staatsangehörigkeiten (italienisch und österreichisch).
Darf ein Gesetz, auch wenn es während einer gesundheitlichen Krisensituation erlassen wurde, darüber entscheiden, wer sich lieben darf und wer nicht? Darf ein Polizist an der Staatsgrenze einen europäischen Staatsbürger dazu auffordern, seine Liebe zu einer anderen europäischen Staatsbürgerin zu beweisen? Mit welcher Art von bürokratischem Formular? Und wie lang dürfen sie das machen? Eine Woche, einen Monat oder ein Jahr?
Das sind Fragen, die wir alle versuchen müssen zu beantworten. Auch Herr Sebastian Kurz, und zwar nicht nur als Bundeskanzler, sondern auch als Bürger und als Person, die liebt und geliebt wird. Und wenn die Antworten auf diese Fragen unterschiedlich ausfallen, ist das der Beweis dafür, dass aktuell nicht nur die Gesundheit und die Wirtschaft in großer Gefahr sind.


Rossano Cattivello, I-33010 Tavagnacco (Udine)

Aufgerufen am 25.09.2020 um 11:48 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/liebe-kennt-keine-grenzkontrollen-87369718

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