Leserbrief

Mein Weihnachten

Ich sitze in einem gemütlichen Salzburger Kaffeehaus, trinke meine Melange und studiere meine geliebte Zeitung. Durch die Glasfront beobachte ich die vorbeihuschenden Menschen. Die meisten, so scheint es, haben es eilig und müssen noch das ein oder andere besorgen. Weihnachten ist nicht mehr weit. Adventzeit hin oder her, in meiner Wochenendausgabe überwiegen dennoch die schlechten Zeitungsnachrichten: Mord, Kriege, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Zerstörung, Hunger, Armut, Leid und Elend.

Später auf dem Heimweg, schalte ich das Autoradio ein und höre die Nachrichten. Es wird über den Klimagipfel in Kattowitz berichtet, über eine gefängnisähnliche Asylunterkunft in Drasendorf, eine geplante Strafanzeige gegen einen FPÖ-Landesrat und über die Erwartungen der Wirtschaft für das bevorstehende zweite Adventwochenende. Am Ende der Nachrichten, fast beiläufig, eine Meldung über die in den letzten drei Jahren verhungerten Kinder im Jemen - 85.000! Und die Situation spitze sich weiter zu, warnte UNICEF: "Über elf Millionen Kinder sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das sind 80 Prozent aller Kinder im Land. Alle zehn Minuten stirbt im Jemen ein Kind aus vermeidbaren Gründen - an Unterernährung, Durchfallerkrankungen wie Cholera oder Atemwegsinfekten."
Etwas später in einem Supermarkt, beobachte ich wie wohlgenährte Landsleute pralle Einkaufstaschen mit Adventskalendern und leuchtbaren Rentieren zum Auto schleppen - der Supermarktleiter verjagt zwei bettelnde Roma-Frauen. Beim benachbarten Punschstand empören sich einige Supermarkt-Besucher noch immer über die rüpelhaften Umgangsformen des amerikanischen Präsidenten, die Höhe der Mindestsicherung und die Flüchtlinge, vor denen es sich zu schützen gilt. Es ist Adventzeit, eine besondere Zeit, eine sonderbare Zeit. Im Jemen stirbt die Menschlichkeit, in Österreich werden die Bettler vertrieben und weltweit werden mit Kinder- und Frauenhandel rund 32 Milliarden Dollar pro Jahr "erwirtschaftet". Für mich stellt sich immer öfter und immer wieder die Frage, wie kann es sein, dass sich unsere Gesellschaft, quasi damit arrangiert hat, dass es unter uns Menschen gibt, die scheinbar weniger wert sind als andere? Man muss nicht Kulturpessimist zu sein, um den Verdacht zu hegen, dass das Projekt Aufklärung noch immer nicht abgeschlossen ist. Rücksichtslosigkeit, Egomanie und Hass lassen sich zunehmend in den verschiedensten Lebensbereichen unserer Gesellschaft ausmachen.

Doch darf/ kann eine Gesellschaft, die auf ihre (christlichen) Werte pocht, die sich zivilisiert und human nennt, gleichgültig, ignorant und zynisch werden? Wie kann es sein, dass wir immer mehr abstumpfen? Ja, die Adventzeit ist eine besondere Zeit, eine sonderbare Zeit. Jetzt werden sie uns, wie "alle Jahre wieder" überschwemmen, die edlen und empathischen Worte zu Weihnachten - und so wie alle Jahre wieder, werden sie verblassen und bald wieder vergessen sein. Doch ich gebe meine Hoffnung und meinen Glauben an diese besondere Zeit nicht auf: Frohe Weihnachten und Friede auf Erden!


DI (FH) Franz Josef Dorn, BED, 8733 St. Marein

Aufgerufen am 26.11.2020 um 12:17 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/mein-weihnachten-62047303

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