Leserbrief

Missbrauch - Vertuschung - Ratlosigkeit

Weltweit jede dritte Nonne missbraucht, viele auf Kirchenkosten zur Abtreibung gezwungen - Papst Franziskus spricht, dass hier noch viel getan werden muss. Vielleicht ist ihm der entscheidende Schritt bewusst, aber kann er das Tabu brechen? Welche Macht üben Vertuschungstäter aus?
Drüsen und Hormone lassen sich nicht abschalten; so hat Gott den Menschen nicht geschaffen. Die Triebfeder der Fortpflanzung, jeder Möglichkeit ihres sozial angemessenen Auslebens beraubt, sucht und findet sich Abwege, und das sehr oft unter Schädigung anderer Menschen. "Sublimation", also Umwandlung in geistige Energie, bleibt ein frommer Wunschtraum. Die deftige Wortwahl Martin Luthers, welche anderen Lebensfunktionen man ebenso gut verbieten könnte, braucht hier nicht wiederholt zu werden. Friedrich von Schiller wusste: "Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären".
Wie viele katholische Würdenträger gibt es weltweit? Der Schaden ist doppelt: ebenso vielen Frauen wird Ehe, Familie, Kinderglück, Lebenserfüllung vorenthalten. Welchen Feministinnen ist das schon aufgefallen? Wie kann jemand die Zölibatsverordnung im Einklang mit den Menschenrechten sehen? Im Klartext: Pflichtzölibat ist unmenschlich, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Schönreden hilft nicht. Kardinal Schönborn, in Jugendjahren selbst von einem Priester belästigt, fährt demnächst nach Rom zur Missbrauchskonferenz im Vatikan. Man wird dort das Problem an der Wurzel packen müssen, sonst werden es leere Kilometer gewesen sein. Eine so schwere Last darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen, und der Scheinheiligkeit ist zu Leibe zu rücken.
Dem Papst sei es nahe gelegt, diesen unhaltbaren Zustand durch einen mutigen Schritt zu beenden - nicht vielleicht irgendwann, sondern unverzüglich. Man muss es sich aus Gewissensgründen anmaßen, diese Forderung zu erheben.



Dieter Schöfnagel, Wien 21.

Aufgerufen am 21.10.2020 um 07:42 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/missbrauch-vertuschung-ratlosigkeit-65571817

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