Leserbrief

Mit offenem Herzen wahrnehmen

Josef Bruckmoser ist nachdrücklich zuzustimmen, wenn er begründet "Warum Bibel und Geschichte zweierlei sind" (SN vom 19. 1. 2019). Selbst die Einbeziehung des Buddhismus unter die Religionsformen, die sich auf "heilige Schriften" stützen, hat seine Berechtigung, wenn auch hier, wie so oft im Leben, der "kleine Unterschied" zu den monotheistischen Offenbarungsreligionen nicht unter den Tisch fallen soll. Zwar ist allen Religionen gemeinsam, dass die verbrieften kanonischen Lehren lediglich den Weg zum Heil beschildern, aber in der Tradition des Buddhismus wird auch auf die Gefahren des Anhaftens an "heilige Schriften" gewarnt. Am deutlichsten vielleicht in der Legende, in der Kaiser Liang Wudi den großen Weisen Bodhidharma danach befragt, was denn "die höchste heilige Wahrheit des Buddha" sei und zu seiner Verblüffung die Antwort erhält: "Offen und weit - nichts von heilig!"
Auch der Buddha selbst hat sich, so besagt die Tradition, gegen die Fassung seiner Lehre in vedischer Sakralform ausgesprochen, ja eine solche Vergötzung des Wortes als Vergehen gegen die Ordensregeln (dukkata) kritisiert. (Cullavagga, V285)
Wenn man den Botschaften der Religionen weniger mit dogmatischer Buchstabengläubigkeit oder zynischem Skeptizismus begegnen würde, sondern mit offenem Herzen die tiefen und heilsamen Hinweise wahrnehmen könnte, dann bräuchte uns nicht mehr bang zu sein und wir müssten nicht Zukunftsängste hegen und Feindbilder errichten. Dann müsste ein hochgeschätzter Religionsrepräsentant wie der Dalai Lama uns auch nicht mehr mit drastischen Worten aufrütteln, wie unlängst als er meinte: "Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten." Und vielleicht sollten "Menschen, die guten Willens sind", auch mehr den interreligiösen Dialog, oder auch Polylog pflegen.


Mag. Kurt Krammer (Institut zum Studium von Buddhismus und Dialog der Religionen), 5020 Salzburg

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