Leserbrief

Nähe erzeugt Betroffenheit

Wenn man weit genug weg wohnt, ist die Betroffenheit gering. So sind wir nun mal. Aber mein Installateur kann nicht mehr schlafen, weil sein kleiner Bauernhof direkt im Bereich des Tunnelausgangs für die HL-Bahn liegt. Aus seinen Augen lese ich Wut und Verzweiflung, als er mir davon erzählt. Weit weg dachte ich zuerst, doch jetzt schaut die Sache anders aus.

Ab 2026 wird eine Megabaustelle gigantischen Ausmaßes die Gegend am Wallersee und am Wenger Moor 15 Jahre lang beherrschen. Viele von uns werden das Ende der Baustelle vielleicht gar nicht mehr erleben. Die Baumaschinen werden Tag und Nacht, sieben Tage die Woche arbeiten. Staub, Lärm, Bagger und Lkw werden unsere Begleiter sein. Der 20 Meter hohe Damm, der die Deponie umgeben soll, wird die Landschaft verändern. Gegebenenfalls sogar den Wallersee gefährden, falls die Abdichtungen nicht halten.

Ich fürchte, dass auch das Naturschutzgebiet Wenger Moor in Mitleidenschaft gezogen wird. Der Steinkrebs hat zwar verhindert, dass das Aushubmaterial auf den Tannberg kommt. Ein Brachvogel oder ein geschütztes Moor werden den Bau vermutlich nicht mehr verhindern. Bisher habe ich jedenfalls noch von keinem Aufschrei der Naturschützer gehört.

Coronabedingt wasche ich mir oft die Hände und denke an meinen Installateur. Ich schau in den Spiegel und sehe in meinen Augen denselben Gesichtsausdruck aus Wut und Verzweiflung.


Dr. Maria Erlach, 5203 Köstendorf

Aufgerufen am 30.11.2020 um 06:49 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/naehe-erzeugt-betroffenheit-93318709

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