Leserbrief

Österreich - Eine Insel der Seligen?

In Wortmeldungen einzelner Politiker/-innen in Österreich - auf dem Hintergrund des aktuellen Terroranschlags in Wien - wird das verlorene Gefühl der "Seligkeit" in Österreich strapaziert. Gegen diese "kitschige" und typisch österreichische Zuschreibung möchte ich mich aussprechen. Österreich ist für beide Weltkriege maßgeblich mitverantwortlich und hatte ein gerütteltes Maß an Glück, dass es diesen Umstand unmittelbar nach 1945 längere Zeit kaschieren konnte. Die vermeintliche Opferrolle Österreichs passte in das Kalkül der Siegermächte bei der Errichtung der europäischen Nachkriegsordnung. Bereits der 1949 in Wien gedrehte englische Film" Der dritte Mann" verweist darauf, dass Österreich/Wien ein Ort internationaler Geheimdiensttätigkeiten und unlauterer Machenschaften ist. 1975 nahmen Terroristen in Wien mehrere Erdölminister und deren Mitarbeiter gefangen und ermordeten drei Menschen. (OPEC Geiselnahme). Illegale Waffenverkäufe Österreichs an kriegsführende Staaten (Noricum Affaire) hatte eine Reihe mysteriöser Todesfälle zur Folge. Auch die relativ "unbefleckte Zeit" des gesellschaftlichen und sozialen Fortschritts in der Kreisky-Ära (Lucona Skandal) kostete einigen niederländischen Seeleuten das Leben. Nachweislich polizeiliches und nachrichtendienstliches Versagen im aktuellen Terror-Geschehen dem Koalitionspartner (der Justiz) in die Schuhe zu schieben, ist eine gefährliche, politische Unverschämtheit unseres Bundeskanzlers. Ich bin auch kein Staatsbürger, welcher je daran gedacht hat, dass die Apres-Ski-Orgien in diversen Tourismus Zentren als Zeichen der Insel der Seeligen gelten können. Die in der Zwischenzeit betuchten Herren und Damen des alpinen Massentourismus hätten so weitergemacht, wenn Corona nicht dazwischen gekommen wäre. Dass ich mich trotz allem in Österreich wohl fühle, hat wesentlich (nicht nur) mit dem Faktor Kultur zu tun. Der Umstand, dass das Kulturveranstaltungen erneut verunmöglicht sind, erlebe ich als schweren, persönlichen Verlust in ohnehin schwierigen Zeiten. Der Umstand, dass der Bundeskanzler sarkastisch via Medien mitteilt, dass ich quasi ein zu belächelnder "Kultur-Verliebter" bin, verdeutlicht mir, dass liberale politische Kultur in Österreich ernsthaft in Gefahr ist.

Hans Peter Radauer, 5020 Salzburg

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