Leserbrief

Ohne Zweifel für die Schwächeren

Wenn ich um den Salzburger Dom spaziere, zieht es mich fast magisch zu einer Skulptur am südlichen Rundbogen: Zur "Pieta" von Anna Chromy, einer Prager Künstlerin. Die hohle Gestalt ist für mich der Ruf nach Barmherzigkeit, wie ich ihn auch bei Bettlerinnen in der Altstadt empfinde. Hier gibt es kein "do ut des" - es geht um das Gefühl des "Helfen-könnens-müssens-sollens- oder auch: dürfens."

Das Johannesevangelium erzählt uns, dass Jesus vor dem Osterfest im Tempel die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler sitzen sah. "Da flocht er sich eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle samt ihren Schafen und Rindern aus dem Tempel hinaus, verschüttete den Wechslern das Geld und stieß ihre Tische um und rief den Taubenhändlern zu: "Schafft das weg von hier. Macht das Haus meines Vaters nicht zu einem Kaufhaus." Gemeint war dabei der auch Heiden zugängliche Vorhof und nicht das eigentliche Heiligtum.

Zwei Jahrtausende später entspricht diesem Vorhof der Salzburger Domplatz, der nicht nur den "Jedermann" beherbergt, sonder alljährlich auch zu Weihnachten den 3 "Ps" ausreichend Raum schafft: Punsch, Plunder und Pommes. Dagegen wäre ja wenig einzuwenden, wenn nicht die aktuelle Tempelwache sich bemüßigt fühlte, gerade diejenigen zu verjagen, denen Jesus seine Hand gereicht hätte. Dazu Stefanie Ruep im "Standard" vom 12. Februar 2021:

"Während die Sibirenkälte eisige Minusgrade nach Salzburg bringt und alle Übernachtungsmöglichkeiten für obdachlose Menschen hochgefahren werden, muss sich eine betroffene Frau mit einem Strafbescheid auseinander setzen. Weil sie im Dezember unter den Dombögen in der Salzburger Altstadt übernachtet hat, verhängte die Polizei eine Geldstrafe in der Höhe von 150 Euro. Falls die Strafe uneinbringlich ist, kann sie diese in Form einer Ersatzfreiheitsstrafe von zwei Tagen in Haft absitzen."

"Sie haben am angeführten Ort zur angeführten Zeit durch das Liegen bzw. Sitzen auf dem Boden den öffentlichen Anstand an einem allgemein zugänglichen Ort verletzt", lautet die Begründung im Strafbescheid.

Alle, die in der unmittelbaren Umgebung entgegen rechtlicher Bestimmungen dreist parken bis die Poller hochfahren, haben im Gegensatz dazu wenig zu befürchten, weil nur ganz selten kontrolliert wird. Und wenn doch, dann kommen sie mit 25 Euro davon. Sechs Mal falsch parken ist einmal falsch sitzen oder liegen, das ist die polizeiliche Rechenlogik in Salzburg. Hier wie in vielen anderen Fällen gilt für ich dabei: "Ohne Zweifel für die Schwächeren".

Wolfgang Radlegger, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 20.10.2021 um 05:55 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/ohne-zweifel-fuer-die-schwaecheren-101426779

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