Leserbrief

Ortsgebundenes Heilmittel - Quo vadis?

Als 60-jähriger Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologie, Physikalische Medizin und Rehabilitation drängt es mich förmlich, eine sachliche begründete Meinung zur obem genannten Frage auszusprechen: Werden wir zukünftig gänzlich der Pharmakologie verfallen? Als junger Arzt war ich in den 80er Jahren mehrjährig in der universitären balneologischen Forschung (Balneologie = Bäderheilkunde) an der Universität Freiburg/Breisgau tätig. Damals arbeitete ich engagiert an der Entschlüsselung der dort vorkommenden Heilwässer, und dies mit Erfolg(!); geht es doch darum, Jahrhunderte lang bekannte Wirkeffekte auf eine fundierte "wissenschaftliche Basis" zu stellen. Sehr viele europäische Forschungsarbeiten der letzten Jahrzehnte widmen sich in gleicher Weise dieser Thematik, das heißt die Wirkung ortsgebundener Heilmittel aufzuklären und zu untermauern, und dies mit sehr interessanten Ergebnissen, heutzutage bis auf "Molekülebene". Diese Untersuchungen sind sehr aufwendig und werden leider oft nicht finanziell in besonderer Weise gefördert.
Und nun? Die Wertigkeit solcher in Österreich und besonders auch im Salzburger Land existierender Behandlungsmöglichkeiten einzuschränken und partiell zu negieren, stimmt mich ärztlich traurig und ist enttäuschend. Es entspricht nicht dem vorliegenden, umfassenden Sachverhalt, und das betone ich mit ausreichender Expertise. Sicherlich trägt meine frühere 10 jährige Anstellung an dem in Deutschland einzigartigen Lehrstuhl für Rheumatologie, Physikalische Medizin und Balneologie/ Universität Gießen bis heute dazu bei, ortsgebundene Heilmittel zu schätzen, wissenschaftlich kritisch und Patienten zugewandt zu denken bzw. zu arbeiten. "Natürliche Heilvorkommen sind eine wesentliche Grundlage der Kurbehandlungen ..." schrieben Prof. R. Müller und Prof. G. Wiesinger in ihrem Buch vor wenigen Jahren in Österreich. Leider geht diese gen. Bedeutung - der ich voll zustimme - immer mehr und rasant bei den Entscheidungsträgern in Vergessenheit.
So hat - als Metapher - auch hier im Lande das ortsgebunden Heilmittel im wahrsten Sinne des Wortes den "schwarzen Peter" gezogen. Wie sagte Karl Valentin " ... früher war die Zukunft auch besser ..." und ich meine dies auch in Hinblick auf den Stellenwert der Balneologie.


Dr. med. Bernhard Kürten, FA für Innere Medizin/ Rheumatologie undFA Physikalische Medizin und Rehabilitation, 5630 Bad Hofgastein

Aufgerufen am 21.01.2021 um 01:39 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/ortsgebundenes-heilmittel-quo-vadis-92811910

Schlagzeilen