Leserbrief

Pflege - aus der Sicht einer in Ausbildung Befindlichen

Ich arbeite seit 18 Jahren im neurologisch geriatrischen Bereich und hatte vor zwei Jahren den Wunsch näher am Menschen zu sein. Nach einem Schnuppertag im Tagesbetreuungszentrum war für mich klar, dass ich in diesem Bereich das machen kann, was mir seit langem ein großes Anliegen ist. Ich habe mich entschieden in meinem Grundberuf zu bleiben und Teilbildungskarenz zu nehmen. Dass der Weg hart wird und wenig Freizeit beinhalten wird, war mir klar, wie anstrengend erlebe ich seit September 2017. Viele Menschen, denen ich erzähle was ich mache, schütteln den Kopf. Der häufigste Kommentar ist: Ich könnte das nicht.
Nachdem über Pflege viel gesprochen und geschrieben wird, wollte ich schildern, wie es denen geht, die in der Ausbildung sind. Denn der Beruf der Pflege wird, Gott sei Dank, in letzter Zeit viel diskutiert. Von einer Veränderung des Berufsbildes und der Wichtigkeit des Berufs wird hier gesprochen. Die Unzufriedenheit der in der Pflege Beschäftigten, vor allem der jungen Arbeitnehmer/-innen, hat die Umfrage der AK deutlich gezeigt. Es sind die Rahmenbedingungen, die das Leben erschweren. Es gibt nicht mehr besonders viele Menschen, die ihren Dienst in den anderer stellen. Die bereit sind in Nächten und an Wochenenden zu arbeiten um kranken, alten, oder behinderten Menschen beizustehen, weil es ihnen ein Bedürfnis, Berufung und Herzensangelegenheit ist. Wir verbringen mittlerweile mindestens ein Drittel unserer Zeit mit Dokumentation, ohne jedoch mehr Personal für die Menschen zu haben. Meistens sogar mit weniger Zeit als Jahre zuvor.
Wie sieht es mit denen aus, die gerade eine Ausbildung absolvieren? Eine Umschulung in den Bereich der Pflege wird immer begrüßt. Zukunftsmarkt, Fachkräftemangel und Förderung via Stiftung lassen viele auf Anraten den Weg in die Ausbildung Pflege finden. Es gibt auch einige, wie mich, die versuchen neben einer Anstellung auf meist eigene Kosten oder Bildungsteilzeit/ teilweise Bildungskarenz die Ausbildung zu absolvieren. Bisher mit durchaus erheblichen Kosten (Schulgeld). Diese sollen ab September 2019 fallen. Pech für die, die bis jetzt bezahlt haben und noch bis Sommer bezahlen.
Berufsbegleitend wird die Ausbildung angeboten, mit Pflichtpraktikumsstunden. Praktikum sollte per Definition Folgendes bedeuten: zur praktischen Anwendung des Erlernten eingerichtete Übung. Wie sieht jedoch der Alltag aus? Praktikanten sind meistens billige Kräfte, die jedoch voll arbeiten müssen. Einarbeitungszeiten, Einschulung und Supervision gibt es kaum und nur in wenigen Stellen. Einspringen für kranke Kollegen, bis zu 50 Wochenstunden und mehr, sind mehr die Regel als die Ausnahme. Die Verantwortung für Menschen zu haben, obwohl man nicht fertig ausgebildet ist, teilweise sogar bereits im ersten Semester, ist sowohl für den Praktikanten schwierig als auch für die Menschen, die zu pflegen und betreuen sind. Mit Kritik hält man sich besser zurück, denn man benötigt eine gute Beurteilung am Ende des Praktikums. Dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind, das ist uns allen klar, dass man als "Lehrling" jedoch die volle Leistung bringen muss/ soll (für einige ohne jegliche Bezahlung) ist nicht einzusehen und fahrlässig. Das lässt einige Auszubildende zweifeln, die richtige Berufssparte gewählt zu haben.
Ich hatte das Glück in zwei Praktika gewesen zu sein, in denen ich begleitet wurde, und immer jemanden fragen konnte. Ich habe aber auch erlebt, alleine gelassen zu werden. Es gehört schon eine Portion Mut und viel Selbstbewusstsein dazu, hier Nein zu sagen. In den fast 800 Stunden, die ich unbezahlt gearbeitet habe, habe ich auch viele schöne Momente, Begebenheiten und sehr herzliche Kolleg/-innen erlebt, die mich weitergebracht haben. Als "Spätberufene" weiß ich, wohin ich will. Hätte ich dieses System bereits mit Mitte Zwanzig erlebt, glaube ich nicht, dass ich diesen Weg weiter gegangen wäre.


Barbara Balika, Diätologin, Gedächtnistrainerin, Singkreisleiterin, 5201 Seekirchen

Aufgerufen am 28.10.2021 um 06:15 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/pflege-aus-der-sicht-einer-in-ausbildung-befindlichen-62720158

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