Leserbrief

Pisten-Segnung am Flughafen: "Schad' ja nix"

Der Flughafen ist fertig! Der Artikel "Salzburg ist wieder aus der Luft erreichbar" feiert die großartige Leistung der Betreiber, der Arbeiter und des Projektteams, der Modernisierung unseres Flughafens - und zwar innerhalb des Zeit- und Geldbudgets, was heute nicht ohne weiteres üblich ist. Als Siezenheimerin freut mich ganz besonders, wie rücksichtsvoll mit den Anwohnern umgegangen worden ist. Vielen lieben Dank! So weit so gut.

Als Geschäftsfrau, die sich fast wöchentlich zu Kunden nach Deutschland und anderswo aufmacht und dabei auch viel auf den Salzburger Flughafen angewiesen ist, freut es mich um so mehr, dass er nun wieder neu und tipp topp nutzbar ist.
Doch nach dem Lesen des Artikels stellte sich für mich ein sehr mulmiges Gefühl ein, welches mich nun wohl bei jedem Flug begleiten wird: "Der Erzbischof segnete vor Ankunft des ersten Fliegers die Piste." Wer braucht sowas?

Mein erster Impuls war: Beruhige Dich, das ist doch nur ein Ritual, eine Tradition - und hat keinerlei Wirkung. Doch ist es das wirklich? Dann könnte man es ja auch ohne weiteres weglassen, oder nicht?

Ohne die genauen Zahlen zu kennen, behaupte ich, dass weder unter den Mitarbeitern des Flughafens noch unter den Arbeitern oder den Flughafennutzern überwiegend Katholiken sind; erst Recht sich keine überwiegende Mehrheit finden ließe selbst unter Katholiken, die so eine "Segnung" brauchen oder sich wünschen.

Mir als Nicht-Katholikin verschafft es ein undefiniertes Gefühl von Hexenwerk und Hokuspokus: Man stelle sich vor, dass man statt des Erzbischofs einen Schamanen dort rituelle Geisterbeschwörungen zur Einweihung hätte durchführen lassen - schad' ja nix!?

Ich wünsche mir hier mehr Sensibilität und Reflexion dafür, wann und wo das Aufrechterhalten von Traditionen gut und wichtig ist, wo es sich überholt hat und wo es heute vielleicht eher schadet als nützt. In unserer Gesellschaft außerhalb der Kirche mit katholischen Ritualen zu agieren bedeutet gleichzeitig, Ausgrenzung, Abwertung und Respektlosigkeit vor Anderen und der Vielfalt der Menschen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich persönlich benötige keine religiöse Weihung, um den neuen Flughafen wieder zu nutzen. Ein anderer erster Schritt hätte zumindest auch sein können, unterschiedliche Religionen Rituale zur Weihung durchführen zu lassen.

Und: Last but not least - für mich und viele andere ist die katholische Kirche, für die der Erzbischof steht, eine Gemeinschaft, die jahrhundertelang Menschen wegen ihres Glaubens abgeschlachtet, Völker unterdrückt und ganze Kulturen ausgerottet hat und gerade in letzter Zeit dafür steht, Frauen nach wie vor als minderwertig zu behandeln und tausende von Kindern sexuell missbraucht zu haben - und zwar systematisch. Deshalb habe ich nun ein mulmiges Gefühl, wenn ich im Salzburger Flughafen ab sofort wieder in ein Flugzeug steige.


Dr. Geertje Tutschka, 5071 Wals-Siezenheim

Aufgerufen am 27.05.2022 um 03:21 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/pisten-segnung-am-flughafen-schad-ja-nix-71314552

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