Leserbrief

Poetry Slam

Ich bin Pädagogin im Kindergarten. Seit vielen Jahren schon. Darum möcht ich euch berichten, von der jetzigen Situation:
In den Medien wird berichtet, dass man nicht so gern verzichtet auf sechs Schließtage im Jahr, letztes Jahr waren sie noch da.
Ich ärger mich, krieg so nen Hals, denn der Beruf ist keinesfalls so einfach/ stressfrei/ spielerisch! Ich möchts euch erklären, vielleicht könnt ihr ja dann verstehen, warum wir auf die Straße gehen!
Von der Schule inspiriert, ausgebildet motiviert geht's nach der Bafep in die Bildungsinstitution Kindergarten. Wo schon 25 Kinder warten.
Wenn man /Frau sich dazu entschließt.. denn nicht jeder Absolvent, sich zu diesem Beruf bekennt. So gehen rund die Hälfte Schüler in den Kindergarten über.
Voll Herzblut und mit Engagement wird praktiziert was man "einstudiert".
Eingewöhnung, neue Kinder, noch nicht rein? Muss nicht sein! Kein Problem! Wir übernehmen wo sie stehen! Individuell liebevoll und schnell. Rituale, Singkreisspiele, 25 Kinder sind eh nicht viele!
Von der Arbeit dann nach Haus, doch die Gedanken schalten sich nicht aus. Man denkt und grübelt über Sachen, die wir mit den Kindern machen. Man macht sich Pläne, aber auch Sorgen, was war heute? Was ist morgen? Die Vorbereitungsstunden, ja! Die nutze man, nur ist eines klar, dass die nicht reichen um alles zu erreichen.
Morgenkreis und Bastelsachen, singen, lachen, Experimente machen, Entwicklungsportfolio individuell, Kinderbeobachtung geht eh ganz schnell, geschwind noch viele Nasen putzen, mit aufs Klo, Entwicklungsgespräche, sowieso. Schulvorbereitung, Förderung individuell, geht bei 25 Kindern eh ganz schnell. Lieder, Spiele, Arbeitsdokumentation, Inspektion. Laternen basteln, Laternenfest,
aus die Laus, basteln für Nikolaus. Elternbriefe, Jausensprüche, resistent gegen so manche Gerüche. Osterei, Muttertag, Gedichte lernen, Sprachstandstest, Sommerfest,
endlich frei!
Hauptsaison.
Ich will wirklich nicht sagen, dass ich den Beruf nicht mag! Ich möcht kreativ sein jeden Tag! Verantwortung tragen und Bildungsauftrag wagen! Voller Energie, Geduld und Hingabe Kinder inspirieren und motivieren!
Es wäre nur viel einfacher mit weniger Kindern in der Gruppe! Doch das ist den Politikern einfach Schnuppe!
Mehr Vorbereitungszeit und mehr Lohn! Nur leider ist das voller Hohn.
Weil statt Bedingungen zu verbessern, statt den Beruf wieder attraktiver zu machen, streicht man man uns, was wir so brauchen, freie Zeit zum Verschnaufen! Dabei würden wir die so brauchen.
Dabei würd man uns so brauchen.
Da merken wir, wie wichtig wir sind!
Wir und das Kind.

Veronika Aichinger, 5110 Oberndorf

Aufgerufen am 04.12.2020 um 06:16 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/poetry-slam-61575934

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