Leserbrief

Politik an Mensch und Natur vorbei

Zur geplanten Verlegung der 5er-Bushaltestelle an die Berchtesgadener Straße:

Unser Selbst wird durch die Fähigkeit zur Reflexion geformt. Daraus folgt aus der Anwendung der individuellen reflexiven Fähigkeiten der Verstand, die kollektive Anwendung dieser Fähigkeiten heißt Vernunft; die Anwendung von Vernunft zur Formulierung von Gesetzen und politischen Auseinandersetzung heißt Demokratie. Demokratisch gewählt sind unsere Entscheidungsträger allemal, um als Verbindungsglied zu fungieren, zwischen Vernunft und der dennoch hoffnungslosen menschlichen Beschränktheit hin zur majestätischen Objektivität eines (erkenntnistheoretisch gewonnenen) Entscheidungsverfahrens. Weil in einem Staat, da braucht's wen, der Entscheidungen trifft. Sagt ja schon der Name: Entscheidungsträger.

Und dann knallt man mitten ins Naturschutzgebiet, wo man sogar ein schlechtes Gewissen hat, wenn man laut niest, weil es so schön ist, eine Baugrube, fällt "mir nix dir nix" Bäume. Da treibt es einem das Wasser in die Augen, wenn man an einer Notschlafstelle vorbeikommt, die sich über so viel Geld freuen würde. Und ja, ich weiß, Äpfel mit Birnen und so.

Aber eine Bushaltestelle, 100 Meter entfernt von einer bereits existierenden, funktional mit allem versehen, was man braucht. Was glauben Sie, würde ein Geschäftsführer mit einem Bereichsleiter machen, der ihm vorschlägt, eine zweite Eingangstür für beinahe eine halbe Million Euro zu errichten? Und sagen wir, der Geschäftsführer vertraut dem "Experten" und dann kommt der Empfangsmitarbeiter, also der, der jeden Tag tatsächlich sieht, wer da wo ein und aus geht und sagt, man hätte schon eine. Und der Geschäftsführer lässt dennoch weiter machen. Würden Sie mit der Firma Geschäfte machen wollen? Vertragstext, Vergaberecht, 300.000 Euro . . . freut sich der Bauer, anderorts Trauer. Was sich reimt, ist in dem Fall schlecht.

Auch wir sind Anrainer und können nur sagen: Bravo Thomas Radauer. Es geht hier nicht um 100 Meter mehr. Es geht um objektive Gründe für die Verwendung öffentlicher Mittel. Wenn unsere Debatten aber nicht mehr länger durch die Erörterung von Gründen gelöst werden, dann bestimmen die Launen der Macht über das Ergebnis. Und es kann nur eine Laune gewesen sein, dass man sich nicht im Vorfeld mit den Anrainern getroffen hat - nicht gesprochen hat - nicht den Dialog gesucht hat. Entscheidungen werden am Tisch von Experten getroffen, die, so scheint es, nicht einmal nachgesehen haben, ob schon eine Eingangstür existiert. Und ob dahinter jemand steht, der reden will. Zum Weinen ist das. Ja, wir haben im Moment sicher größere oder andere Probleme. Und jetzt ist das Kind eh schon im Brunnen. Aber wann beginnt man endlich, die Stimme des Volkes tatsächlich zu hören? Wählen sollen wir ja auch.


Dr. Stefanie Trtan und DDr. Michael Franzelin, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 01.12.2020 um 07:19 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/politik-an-mensch-und-natur-vorbei-76996303

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