Leserbrief

Prävention und Intervention kann Leben retten

Die deutschen Fälle von Sexualstraftaten an Kindern in Lüdge, Münster und Staufen sind die furchtbaren Spitzen von Eisbergen. Jedoch häufen sich nicht die Fälle, sondern die verbesserte Ermittlungsarbeit der Polizei sowie die Vernetzung der Behörden bringen diese Taten schneller ans Licht.
Verhinderbar sind Missbrauchshandlungen an Kindern nicht. Präventionsangebote, die altersgemäße Sexualaufklärung beinhalten - damit Kinder sexuelle Handlungen früher als inadäquat einordnen können - sind wichtig. Die Verantwortung, sich aus einer höchst manipulativen Missbrauchsbeziehung im nahen sozialen Umfeld alleine zu befreien, darf jedoch nicht an die Kinder abgegeben werden! Es sind die Erwachsenen, die diese Aufgabe zu übernehmen haben. In der Erstintervention vor allem die Lehrpersonen, die Kinder jahrelang täglich sehen, die Symptome und "stille Schreie" zu deuten wissen müssten; die bereits im Curriculum
erfahren müssten, was bei einem vagen Verdacht zu tun bzw. wann nach §37 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes eine Gefährdungsmitteilung nötig ist.
Prävention und Intervention kann Leben retten - und doch wird hierüber nichts verpflichtend in der Lehramtsausbildung gelehrt - das ist ein schlimmes Versäumnis. Ebenso könnten eigens geschulte Präventionsbeauftragte an den Schulen erste Ansprechpersonen für die Kollegenschaft darstellen. Schutzkonzepte, wie sie seit Jahren von der Volksanwaltschaft und den Kinderschutzzentren gefordert werden, müssen endlich umgesetzt werden.
Deutschland hat seit Jahren einen unabhängigen Missbrauchsbeauftragten, der die Regierung unermüdlich an den gesamtgesellschaftlichen Auftrag des Kinderschutzes erinnert. Dies ist in Österreich kein Thema, genausowenig wie die oben genannten, relativ einfach umsetzbaren Maßnahmen zur rascheren umfassenden Hilfe für Kinder, die manipulative sexuelle Gewalt erfahren. Der professionelle, umfassende Schutz von Kindern vor sexuellen Missbrauchshandlungen wird von keiner Partei wirklich tatkräftig vorangetrieben - die Möglichkeiten sind der Politik in Salzburg bekannt. Es wird ähnliche Fälle, wie die in Deutschland brauchen, um das Thema wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Leider ist dann davon auszugehen, dass es beim populistischen Ruf der Erhöhung des Strafrahmens bleiben wird.

Mag.a Gabriele Rothuber, Geschäftsführung Fachstelle Selbstbewusst, Sexuelle Bildung & Prävention von sexuellem Missbrauch, 5020 Salzburg

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