Leserbrief

Pro und contra Flachgautunnel

Zu den vielen Leserbriefen, die den Ausbau der bestehenden Westbahnstrecke als Alternative zum Flachgautunnel fordern, möchte ich Folgendes mitteilen:

Genau das plante die Hochleistungsstrecken AG (HL-AG, die Vorgängerin der heutigen ÖBB-Infrastruktur AG) zu Ende der 1980er bzw. Anfang der 1990er Jahre. Die HL-AG ging vorbehaltslos an die Planung heran. Geprüft wurde eine zweigleisige Neubaustrecke weitgehend entlang der Autobahn von Salzburg über Mondsee bis Attnang-Puchheim und der viergleisige Ausbau der Bestandsstrecke ähnlich wie in Niederösterreich zwischen Linz und St. Pölten.

Aus politischen Gründen verwarf man die Neubaustrecke, weil beim Ausbau der Bestandsstrecke alle paar Jahre ein Teilstück vom Bundesminister eröffnet werden könnte und ein Neubau zwanzig Jahre in Anspruch nehmen würde (sie wie bei der Neubautrasse zwischen Wien und St. Pölten).

1993 gab es mehrere Trassenvarianten im Bereich der Bestandsstrecke. Seekirchen sollte in einem weiten Bogen im Bereich des Riedlwaldes umfahren werden. Vor Festlegung einer Vorschlagstrasse kam ein Planungsstopp, weil die HL-AG prüfen wollte, ob eine alternative Strecke von Wels über Braunau/Simbach, Mühlbach am Inn nach München ins Auge gefasst werden könnte. Salzburg würde dann weiträumig umfahren werden. Dies führte zu heftigen Reaktionen der Landespolitik, die eine Beibehaltung der Anbindung von Salzburg an das Hochleistungsnetz forderte.

Im September 1999 wurde eine präzisierte Vorschlagstrasse in einer Regionskonferenz präsentiert. Es folgte lautstarker Widerstand betroffener Bürger aus der Riedlwaldsiedlung mit Unterstützung durch die Gemeinde Seekirchen. Es folgten Zeitungsartikel, welche den Begriff "Horrortrasse" prägten. Durch den medialen Druck verabschiedete sich die Landespolitik von der "Horrortrasse". Es wurde daraufhin ein noch bestandsnäherer Ausbau mit Einsatz von Neigezügen geprüft und wieder verworfen und es dauerte bis 2018, bis eine von allen betroffenen Gemeinden akzeptierte Strecke präsentiert werden konnte. Der Flachgautunnel war geboren.

Nun gibt es wieder heftigen Widerstand gegen dieses Vorhaben. Mich würde es jetzt nicht wundern, wenn die Alternativtrasse Wels-Braunau/Simbach-Mühlbach-München wieder ins Spiel gebracht wird. Oder vielleicht doch wieder eine Neubaustrecke über Mondsee? Diese würde dann ca. im Jahr 2050 eröffnet werden können. Die im Jahr 1988 im Projekt "Neue Bahn" präsentierte Zielvorgabe einer Fahrzeit von zwei Stunden zwischen Wien und Salzburg werde ich leider nicht mehr erleben.

Dr. Franz Dollinger, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 04.12.2022 um 01:21 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/pro-und-contra-flachgautunnel-130178902

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