Leserbrief

Raus aus dem Schubladendenken

Roger Waters, ehemaliger Hauptsongschreiber von Pink Floyd, teilte in dem sozialkritischen Album "Animals" aus dem Jahre 1977 die Menschen in drei Kategorien ein:
Die Hunde (dogs) sind die kapitalistisch orientierten Menschen, die nur an Geld interessiert sind, sich nicht um ihre Mitmenschen kümmern und für den Profit sogar über Leichen gehen.
Die Schweine (pigs) sind die Moralapostel, die den Menschen predigen, wie sie sich zu verhalten haben. Dabei würden gerade diese Menschen die meisten Fehler machen und sich besonders unmoralisch verhalten.
Zu den Schafen (sheep) gehört die breite Masse, die sich von den Hunden (dogs) ausnutzen und von den Schweinen (pigs) ihre Lebensweise vorschreiben lässt, Dinge nicht hinterfragt, sondern sich von anderen leiten lässt.
Diese Schafe haben keine eigene (politische) Meinung und wollen einfach nur ihre Ruhe haben und ihr Leben genießen.
Das authentische Werk ist mittlerweile über 40 Jahre alt. Die Zeit scheint jedoch gesellschaftspolitisch stehen geblieben zu sein. Oder anders ausgedrückt: In der "guten alten Zeit" war es vermutlich auch nicht wesentlich besser als heute.
Roger Waters ist zweifellos ein Musik-Genie, als charakterliches Vorbild dürfte er jedoch kaum dienen. Er galt innerhalb der Band als "Diktator", der eher zurückhaltenden Menschen wie Richard Wright erheblich zusetzen konnte.
Bandkollege Nick Mason äußerte sich einmal über das Ausscheiden von Waters aus der Band: "Die Sache ist die: Diese leicht aus dem Gleichgewicht geratenen Menschen sind großartige Musiker. Hätten wir nicht den verrückten Syd (Barrett) und den verrückten Roger (Waters) gehabt, hätten wir vielleicht "Chirpy Chirpy Cheep Cheep" gemacht".
Besser als mit dieser Aussage kann man Toleranz kaum beschreiben.
Alle Menschen zu lieben, wie es Waters in Interviews forderte, wird man selbst als bekennender Christ kaum schaffen.
Jeder kennt die Situation: Man trifft einen Menschen und steckt ihn unbewusst innerhalb weniger Sekunden in eine Schublade.
Dieses Schubladendenken ist verbreitet, aber es ist für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen nicht förderlich, mitunter sogar völlig destruktiv, weil aus diesen Schubladen ein schweres Herauskommen ist.
Die Lösung wäre, Menschen als gleichwertig anzusehen und deren Andersartigkeit und Individualität zu akzeptieren.
Die Stille der Adventszeit sollte als Gelegenheit dienen, darüber nachzudenken.


Alfred Kastner, D-92637 Weiden

Aufgerufen am 26.11.2020 um 03:57 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/raus-aus-dem-schubladendenken-62306089

Schlagzeilen