Leserbrief

Rückkehr zu welcher "Normalität"

Die "Normalität" vor Corona:

Für den Großteil der Bevölkerung ist der materielle Wohlstand so groß wie nie zuvor. In der globalisierten, kapitalistischen, freien Marktwirtschaft wird ein großer Teil der Konsumgüter dort produziert, wo die Menschen am meisten ausgebeutet werden und die Umwelt am ärgsten zerstört wird. Mit der Zielvorgabe des immerwährenden Wirtschaftswachstums werden Ressourcen verschwendet und die Lebensgrundlagen Boden, Luft (Klima) und Wasser sukzessive zerstört.

Der Mensch wird auf seinen Nutzen im Beruf- und Wirtschaftsgefüge - du bist, was du (beruflich) bist - und auf seine möglichst ergiebige Funktion als Konsument reduziert. Deshalb braucht es professionelle, institutionelle "frühkindliche Bildung" ab dem 1. Lebensjahr, Ganztagsschulen und Ausbildung zumindest bis zur Matura - am besten bis zum akademischen Titel für alle.

Arbeit, bei der man "schmutzig" wird, findet im Mainstream, in der veröffentlichten öffentlichen Meinung nur dann Berücksichtigung, wenn es zuwenige Menschen gibt, die sie unter oft erdenklich schlechten Bedingungen erbringen wollen. Für diese Zwecke werden dann meist ausländische Arbeitskräfte "integriert". B+B = billig + bequem bestimmen das Konsumverhalten.

Gefördert durch die Nullzinspolitik wird das Geld, das während der Woche verdient wird, schnellstmöglich ausgegeben und wieder in den Wirtschaftskreislauf eingebracht. Die "Geiz ist Geil-Mentalität" wird uns in 365 Tagen rund um die Uhr über die allgegenwärtige Werbung im Straßenbild, über Printmedien, Postwurfsendungen, Radio, Fernsehen und Internetgebrauch eingehämmert und macht uns immer mehr zu rücksichtslosen Egoisten.

Der allein in Österreich mit jährlich ach Milliarden Euro befeuerte, permanent allgegenwärtige Werbemüll hinterlässt unübersehbar seine Spuren im menschlichen Verhalten. Ständig werden uns irgendwelche Neuheiten, die wir unbedingt brauchen, eingeredet, Events, bei denen wir unbedingt dabei sein müssen, aufgeschwatzt und Reisedestinationen angepriesen, die wir auch noch besuchen müssen, um ja nichts zu versäumen und um "in" zu sein und dazu zu gehören. Kaum ist der Lärm eines Flugzeuges verklungen, wird er durch den Lärm des nächsten, überfliegenden Jets abgelöst, mit dem ohnedies dauerhaften Verkehrslärm ergänzt und mit dem Dröhnen der Motorradschwärme in der warmen Jahreszeit verstärkt.

In allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen nimmt die Produktivität von Jahr zu Jahr zu. Damit, so meint man, könnte das Wirtschaften einfacher und das Leben schöner werden. In Wirklichkeit wird der Druck in der Arbeitswelt und im Leben insgesamt immer größer und die Anzahl derer, die diesem Druck nicht mehr standhalten, steigt von Jahr zu Jahr.

Die "Nebenwirkungen" der oben angeführten Gegebenheiten werden sozialisiert, die Gewinne werden privatisiert. Denn am Ende dieser globalisierten, ungezügelten, kapitalistischen, marktwirtschaftlichen Wirtschaftswachstumspolitik, kassieren immer die, die ohnedies schon viel zu viel haben und nie genug bekommen.

Ist das die "Normalität" zu der wir wieder zurückkehren wollen?

Dr. Josef Guggenberger, 5165 Berndorf

Aufgerufen am 23.09.2020 um 12:57 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/rueckkehr-zu-welcher-normalitaet-86548033

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