Leserbrief

Salzburgs "Volksseele"

Zutiefst erschrocken bin ich darüber, wie wenig es braucht, um die "Volksseele" hochkochen zu lassen: Die am ehemaligen Streit vor der Franziskanerkirche unbeteiligten Bettler, die nichts anderes tun, als bei Wind und Wetter, bei Kälte und Hitze still sitzend in einem Zehnstundentag ihren Unterhalt schwer zu "verdienen", werden nun beschimpft, bespuckt, offen verachtet und müssen unverdient als ganze Gruppe die Aggressionen von Menschen ertragen, die ohne Feindbilder nicht auskommen und ihre Emotionen nicht beherrschen können. Welche Gruppe in unserem Staat darf nach einem geringen Anlass als nächste mediengerecht niedergemacht werden?
Man kann an den Notleidenden einfach nur vorbeigehen, ihnen etwas geben - oder auch nicht, aber auch für sie gilt das Recht auf Wahrung der Menschenwürde. Sollte eine/r von ihnen aggressiv werden (ist mir auch schon passiert), so kann man ihnen mit klaren Worten so entgegentreten, wie man es im täglichen Leben mit seinen Mitmenschen auch handhabt.
Allerdings: Dass nun die Franziskaner um die Ausweitung der "bettelfreien Zone" bitten, kann ich gut verstehen, sehr gut sogar. Völlig unverständlich aber ist, dass diese Bitte nicht gewährt wird (und sogar die Erzdiözese den Glaubensbrüdern nicht hilft), gäbe es doch in Salzburg genug Ausweichplätze für die Notleidenden: Wie wäre es mit einem weiten Bereich gleich in der Nähe - vor dem Festspielhaus? Ach ja - geht nicht. Gilt als Schutzzone für diejenigen, denen der Anblick von Armut erspart werden soll.

Christiane Egger, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 24.10.2020 um 02:55 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/salzburgs-volksseele-68338309

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