Leserbrief

Schlaumeier helfen Flüchtlingen

In Sachen Humanität lässt sich Österreich nicht lumpen: Eine Feuersbrunst zerstörte auf Lesbos die Unterkünfte von knapp 13.000 Flüchtlingen, die jetzt hilf- und hoffnungslos auf der Insel Lesbos umherirren. Und weil doppelt hilft, wer schnell hilft, schickt Österreich Zelte, Lebensmittel und Ärzte nach Lesbos.

Dennoch bleibt Lesbos Europas Glasscherbenviertel. Großeltern, Eltern und Kinder leben gedrängt in einem Raum. Gewalt bis hin zu Raub und Vergewaltigung ist an der Tagesordnung. Schulunterricht passiert allenfalls per Zufall. Erwachsene sind mangels Arbeit zum Daumendrehen verurteilt. Und diese humanitäre Katastrophe soll bis zum Sankt-Nimmerleinstag dauern? Bundeskanzler Kurz setzt auf Soforthilfe vor Ort und lehnt die Aufnahme von Flüchtlingen ab, obwohl Dutzende Gemeinden dazu bereit wären. Flüchtlinge sollen weiter auf Lesbos im Elend vegetieren. Also trägt Österreichs vorgeblich humanitäre Hilfe dazu bei, inhumane Zustände zu begünstigen. 1956 öffnete Österreich sofort seine Grenzen für Zehntausende Ungarn, die dem Chaos der Revolution entrinnen wollten. Das ist aber humanitär und historisch weit weg. Die Flüchtlingslager der Palästinenser oder in Zentralafrika sind Brutstätten politischer Gewalt, weil diese Menschen aus Frust eben handgreiflich werden. Dafür wäre Lesbos nach fünf Jahren Lager und ohne Aussicht auf Erlösung reif. Österreich hätte daran mit der Aufnahme von Flüchtlingen zwar kaum etwas geändert. Aber diese armen Teufel hätten erkannt, dass Hilfe sie nicht nur für das erbärmliche Lagerleben fit halten will.

Dr. Clemens M. Hutter, 5020 Salzburg

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