Leserbrief

Schule: Förderstunden allein sind nicht die Lösung

"Lücken schließen, aber wie?" (SN v. 30. 7.): Das ist eine Frage, die in der Bildungsdiskussion derzeit viele beschäftigt. Leider werden hier oft nicht die richtigen Ziele gesetzt und daher auch unpassende Lösungen angeboten. Das österreichische Schulsystem bietet eine Vielzahl von Ausbildungswegen; neben den zahlreichen höheren Schulen gibt es die bewährte duale Ausbildung mit Lehre, um die wir international beneidet werden. Leider wird aber von vielen ein Hochschulstudium als das einzig erstrebenswerte Bildungsziel angesehen. Dafür werden Unsummen in Form von Nachhilfe ausgegeben, dafür opfert man die Zufriedenheit vieler Jugendlicher - und nun auch die Freizeit. Denn man erwartet sich jetzt das Heil von "mehr Förderstunden", in der naiven Annahme, dass "mehr desselben" auch bessere Lernergebnisse bringe. Dabei sind vor allem in der Sekundarstufe viele Jugendliche schon jetzt an ihrer zeitlichen Belastungsgrenze angelangt - nach über 30 Stunden Unterricht sind ja auch noch Hausaufgaben zu machen und Lernaufgaben zu erledigen. Wann soll man da noch die Förderstunden unterbringen? Die Sommerschule kann hier nur teilweise Abhilfe schaffen, denn was man in 40 Schulwochen nicht gelernt hat, wird man kaum im Sommer in zwei Wochen nachholen können.
Das Problem unseres Schulsystems ist also nicht "Trennen und Aussortieren", wie Helmut Schliesselberger meint ("Die Lücken der Schüler und die des Schulsystems, SN v. 30. 7.), sondern dass die Eltern zu wenig Unterstützung und Beratung bei der Wahl des richtigen Bildungsweges für ihre Kinder bekommen. So werden diese häufig mit akademischen Lernpensen überfordert, anstatt in einer praxisorientierteren Ausbildung ihre Talente weiterzuentwickeln. Der große Zulauf zur AHS ist in dieser Hinsicht auch kritisch zu sehen. Es muss nicht jede und jeder studieren; die Über-Akademisierung wird in Europa sogar zunehmend zum Problem für die Arbeitsmärkte. Die Reifeprüfung kann man auch mit oder nach einer Lehre absolvieren, und es ist längst nicht mehr so, dass Akademiker generell höhere Lebensverdienstsummen erreichen würden als andere. Es wäre also Zeit für einen Paradigmenwechsel: Nicht die höchste, sondern die passendste Bildung ist das Ziel!

Dir. Mag. Markus Kerschbaumer, 8052 Graz

Aufgerufen am 20.01.2022 um 06:48 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/schule-foerderstunden-allein-sind-nicht-die-loesung-107837104

Schlagzeilen