Leserbrief

Selbstdarsteller als Gefahr

Regierungen der westlichen Industrieländer scheinen heute nicht mehr an der Entwicklung nachhaltiger Konzepte und Lösungen interessiert zu sein. Ihre Hauptbeschäftigung ist vielmehr Öffentlichkeitsarbeit, um der Bevölkerung zu vermitteln, wie großartig sie selbst und wie unfähig alle anderen sind. Wichtig ist nicht, wie wir die großen Herausforderungen der Zukunft bewältigen, sondern mit welchen plakativen Aussagen die nächsten Wahlen gewonnen werden können. Hinter uns die Sintflut, sozusagen. Alles, wofür man nicht sofort eine Lösung zur Hand hat, die man vor der nächsten Wahl präsentieren kann, wird ignoriert oder auf die lange Bank geschoben. Ein gutes Beispiel ist die Pensionsreform, die seit Jahren überfällig ist. Dafür wird die Aufrollung der Einkommenssteuer, die alle Unternehmen bis September durchgeführt haben müssen, für Pensionisten am 5. Oktober plakativ unmittelbar vor der Wien-Wahl gesondert abgerechnet. Andere Beispiele sind ein fehlendes Konzept für den Arbeitsmarkt der Zukunft, wenn durch die Digitalisierung zig tausende Arbeitsplätze wegfallen werden, ein Verkehrskonzept, ein Konzept für den Klimawandel, ein Konzept für eine sinnvolle Neuaufstellung unseres Bundesheeres usw. Ohne jede Inspiration fährt man immer weiter in alten ausgefahrenen Geleisen, anstatt manche Themen von Grund auf neu zu denken. In der Geschichte wurde ein derartiger Verfall von Gesellschaftsordnungen entweder durch Kriege oder wirtschaftliche Zusammenbrüche beendet. Erst danach konnten konstruktive Kräfte durch Bündelung aller menschlichen und materiellen Ressourcen den notwendigen Neuanfang setzen. Müssen wir wirklich auch heute wieder auf eine Katastrophe warten, um das Steuer herumzureißen? Sollten wir angesichts der bedrohlichen Entwicklungen nicht vielmehr alles daran setzen, um über ein Zusammenwirken aller positiven Kräfte im Land durch ein Umdenken und Umlenken einen Neustart zu schaffen?

Dr. Günther Pacher, 9800 Spittal

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