Leserbrief

Strategiewechsel - ein Zeichen der Hoffnung?

Russland hat wieder seine Strategie im Angriffs- und Eroberungskrieg gegen die Ukraine geändert. Zunächst war ja der Angriffsplan, mit Bodentruppen Kiew und möglichst viel vom ganzen Land zu erobern, wobei man eigentlich erwartet hat, dass die Ukrainer keinen Widerstand leisten werden. Als das aber an der starken Abwehr von ukrainischer Seite scheiterte, hat man die Planung geändert: Man hat einen Zerstörungs- und Vernichtungskampf mit Raketen und Bomben begonnen. Mit der Zerstörung der ukrainischer Städte ohne Unterscheidung zwischen zivilen und militärischen Objekten, von Wohngebäuden, Spitälern, Schulen und Schutzräumlichkeiten wurde und wird versucht, die ukrainische Bevölkerung zur Aufgabe und Kapitulation zu veranlassen. Als das aber nicht gelungen ist und auch die weiter fortgesetzten Angriffe der Bodentruppen den erwarteten Erfolg an allen Stellen nicht erzielt haben, hat man jetzt einer neuerlichen Strategiewechsel vorgenommen: Man führt jetzt Angriffe der Bodentruppen nur mehr im Osten und Süden des Landes durch, also in jenen Landesteilen, die man auch nach dem Ende des Krieges (zum großen Teil) unbedingt behalten und in Russland eingliedern will.
Und dieser Strategiewechsel hat auch für uns Bedeutung, denn er zeigt an, dass sich die russischen Kriegsziele geändert haben. Man will nicht mehr Kiew und das ganze Land unter seine Botmäßigkeit bringen, sondern nur jene Landesteile, die man künftig behalten will. Mit der Änderung der Kriegsziele ist auch ein Ende des Krieges, also der Kampfhandlungen, eher abzusehen. Wenn also Russland in den jetzt laufenden Verhandlungen mit der Ukraine das erhält, was seine jetzt gegenüber früher offensichtlich reduzierten Forderungen sind, dann kann man mit der Einstellung der Kampfhandlungen rechnen. Alles hängt jetzt vom Verlauf dieser Verhandlungen ab. Ein Ende der Kämpfe wäre abzusehen, wenn die ukrainische Seite Kompromissbereitschaft zeigt und in einen Diktatfrieden einwilligt, der zwar ungerecht wäre, der aber das grausame Töten und Zerstören beenden würde. Also: Verzicht auf Territorium zur Rettung von Tausenden Menschenleben und von unvorstellbar großen Sachwerten.

Dr. Peter F. Lang, österr. Diplomat im Ruhestand, 1200 Wien

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