Leserbrief

Studierende als Kollateralschaden?

Laut Bundeskanzler Kurz läuft im Moment alles reibungslos für Österreichs Studierende. Diese Aussage bleibt für mich als Studentin sehr fragwürdig. Denn die Parallelversion der Realität, in der wir uns momentan befinden, ist für mich alles andere als reibungslos.
Von der Bundesregierung eines Wohlfahrtsstaats bleibt wohl nicht genügend Wohlfahrt für eine Bevölkerungsgruppe von der Größe der Stadt Graz übrig. Unter diesen Personen befinden sich unzählige, geringfügig beschäftigte Studierende, die neben dem versprochenen Krisen-Rettungsschirm der Regierung auf den Boden plumpsen, anstatt von ihm aufgefangen zu werden. Weiterhin zu zahlen sind auch Kosten für Wohnheime, die weder gestundet noch reduziert worden sind, für nicht wenige fallen ebenfalls Studiengebühren oder auch Wohnungsmieten in jenen Ländern, wo man eigentlich gerade auf Austauschsemester wäre, an. Auf schnelle Lösungen oder auch nur die Erwähnung von jenen Problemen in den Medien hoffen wir seit Wochen umsonst. Währenddessen zahlen Studierende aus Drittstaaten über 700 Euro Studiengebühren für eine Universität, in deren Gebäuden sie momentan nicht einmal mehr die Toilette aufsuchen dürfen.
In einem Sprachstudium mit Kursen, die zu 90% anwesenheitspflichtig sind und in ebenso hoher Prozentzahl ein Maximum von 40 Kursteilnehmern beinhalten, stellt sich die Frage, wieso in Gottes Namen Konsumtempel von der Regierung wieder geöffnet werden, während man in großen Vorlesungssälen nicht mit eingehaltenem Abstand seiner Bildung nachgehen darf. Wieso über eine teilweise Öffnung der Hochschulen nicht einmal nachgedacht wird, es eine Obergrenze für anwesende Studierende in einem Raum geben kann oder wenigstens Lernplätze wie Bibliotheken oder EDV-Räume für diejenigen öffnen dürfen, die sich zu Hause mit der ganzen Familie einen Computer teilen müssen oder die keinen ruhigen Raum zum Lernen für sich haben. Auch eine abwechselnde Öffnung der Universität für verschiedene Fachbereiche wäre denkbar. Bildungsminister Faßmann, der nun eine erhöhte Befugnis besitzt, um auch über Hochschulen schalten und walten zu können, trifft keine klaren Aussagen hierzu in den Medien. Der Titel dieses Berichts beschreibt den Eindruck, den man im Moment gewinnt, wenn man unserer Regierung bei ihren Aussagen zuhört. Wochenlang wurde über die jungen Menschen geschwiegen, die bei ihrem Kampf um die Semester nun noch mehr Steine in den Weg gelegt bekamen, als dies aufgrund von organisatorischen Schwierigkeiten normalerweise schon der Fall ist.
Während betont wird, der Wirtschaft müsse dringend geholfen werden, wird wohl darauf vergessen, wer in den nächsten paar Jahren in der Wirtschaft eingesetzt werden soll. Auf diejenigen Hochschulabsolventen, die momentan als gesamte Gesellschaftsgruppe durch das Raster der Wiederaufnahme des gesellschaftlichen Alltags fallen.

Hanna Roth, 4050 Traun

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