Leserbrief

Unmündigkeit wird durch den Religionsunterricht aller Religionen unterstützt

In meinem "früheren Leben" habe ich selbst Religion unterrichtet. Bis auf die letzten Jahre ist mir vieles noch peinlich, was ich da an die Schüler weitergegeben habe. Aus meiner eigenen Erfahrung, vor allem aus der psychotherapeutischen Praxis weiß ich, wie schwer es fällt, sich von einem infantilen, im kindlichen Alter eingebläuten Glauben, der mit "Bildung" wahrlich nichts zu tun hat, zu befreien.
Konfessionelle Lehren tun ja immer noch so, als ob uralte Mythen und Erzählungen real existierten. Sie widersprechen damit nicht nur der Aufklärung, den gesicherten Erkenntnissen der Naturwissenschaften, jeder Vernunft und Einsicht, sondern auch dem humanistischen Fortschritt, z. B. in der Gleichstellung von Mann und Frau.
Faulheit und Feigheit, schrieb vor zweihundert Jahren Kant, seien die Ursachen, dass ein großer Teil der Menschen zeitlebens unmündig bleibe. Diese Unmündigkeit wird durch den Religionsunterricht aller Religionen unterstützt. Kein Wunder, dass auch manche Politiker diese Indoktrinationen fördern, tragen sie doch zur eigenen Machterhaltung bei. Wie viele Millionen das den österreichischen Steuerzahler kostet, wird meist verschwiegen.
Religionen gehörten, mit ihren fantastischen Narrativen und moralischen Überlegungen, aber auch mit all den kriegerischen, quälenden und missbräuchlichen Auswüchsen in einen Ethikunterricht, bzw. in einen umfassenden Geschichts- und Literaturunterricht. Religiöse Mythen können Kinder einladen, zu fantasieren, zu erfinden und zu spekulieren, zuzuhören und sich zu amüsieren. Sie verlangen keinen blinden Glauben; sie können zur eigenen Wertehaltung, Kreativität und zum selbstständigen Denken anregen. Der traditionelle Religionsunterricht entspricht weder dem demokratischen Prinzip der Trennung von Kirche und Staat, noch einem zeitgemäßen Bildungsangebot.

Dr. phil. Leo Prothmann, Psychotherapeut, Analytiker, 5020 Salzburg

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