Leserbrief

Versagen der österreichischen Erinnerungskultur

Auch dieses Jahr versammeln sich heimische Spitzenpolitiker am 5. Mai, um den Opfern des NS-Regimes zu gedenken. Im Vordergrund steht das Sich Vergegenwärtigen der österreichischen Mitschuld am 2. Weltkrieg. Folglich werden hierzulande antisemitische Äußerungen sowie Anschläge auf jüdische Synagogen verurteilt. Doch während österreichische Medien inflationär über derartige Vergehen berichten, bleibt der stille Völkermord in Xinjiang ein Randthema. Und das obwohl dort mehr als eine Millionen Uiguren den größten Genozid seit Ende des Holocausts erfahren. Ehemalige Inhaftierte wie Gulbahar Haitiwaji schildern Eindrücke, die dem chinesischen Volk aufgrund der Staatspropaganda verwehrt bleiben. Von Folter, Gehirnwäsche, Vergewaltigungen und großangelegten Zwangssterilisierungen ist die Rede. Der US-Senat beschloss bereits ein Importverbot für Produkte aus der chinesischen Provinz. In Österreich drücken sich politische Entscheidungsträger hingegen vor ihrer Verantwortung. Karl Nehammer rechtfertige seine Absenz bei den olympischen Spielen in Peking zuletzt mit der Begründung, dass er dies aufgrund der hohen Covid Auflagen tue, nicht aber einen diplomatischen Protest ausüben wolle. Ein Wort über die Uiguren? Fehlanzeige! Solche Sätze offenbaren die eklatante Lethargie unserer Erinnerungskultur. Der Satz "Wehret den Anfängen" ist aus unserem Gedächtnis verschwunden. Ist der größte Genozid seit Ende des 2. Weltkrieges erst der Anfang oder bereits das Ende?

Markus Reiter, 4232 Hagenberg

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