Leserbrief

Vilimskys momentane Wahlkampfsprüche, Orbáns Realität und eine österreichisch-lettische Lösung

Im Brustton der Überzeugung formuliert EU-Spitzenkandidat Harald Vilimsky seit dem Erscheinen des Ibiza-Videos: Strache und Gudenus sind zwei Einzelfälle der FPÖ, die übrigen FPÖ-Politiker sind sauber und nicht korrupt.

Das würde ich sehr gerne glauben, aber:
1) Was Strache in Ibiza von sich gab, sind exakt die Pläne, die Viktor Orbán (und Putin und Erdogan - kurz: alle "demokratisch legitimierten Diktatoren" unserer Zeit) zur Erlangung ihrer Macht umsetzten: Dubiose Geldmittel lukrieren, den Spendern mit Staatsausgaben danken, die wiederum mit diesem Geld Medien aufkaufen, Pressefreiheit einschränken, abschaffen, Propaganda-Medien installieren ... Das ist der Anfang dieses Weges, der im Endeffekt durch Verschwörungstheorien (Soros) gefestigt wird und durch Angriffe gegen Bevölkerungsgruppen, die Exekutive, die Justiz, die Wissenschaft etc. die Beamtenschaft fortgeführt wird.
2) Exakt das hat Strache in Ibiza gesagt, Orbán (und Putin und Erdogan ...) haben es getan und das hat zu keinerlei Kritik der "politisch sauberen" FPÖ geführt (Ausnahme: Erdogan). Schlimmer noch: Vilimsky ist seit Jahren ein Bewunderer Orbáns - so wie Strache, der den "Orban'schen Weg" im Ibiza-Video ja als Vorbild gelobt hat. Harald Vilimsky ist aktiver Bewunderer Orbáns.

Zwei Beispiele aus dem Jahr 2018: Am 9. April 2018, nach der Wahl in Ungarn, twittert Vilimsky: "Victor Orbán - besser als seine Kritiker - der ungarische Premier hat ein demokratisches Wahlergebnis erzielt, von dem seine Kritiker nur träumen können." Am 20. September 2018 erhält Vilimsky ein persönliches Dankesschreiben von Victor Orbán, nachdem unser "sauberer" EU-Mandatar gegen Einleitungen von EU-Untersuchungen gegen Orbán gestimmt hat.
3) Will uns der Spitzenkandidat der FPÖ in der EU-Wahl vielleicht noch folgenden Bären aufbinden? "Wenn ich in Ibiza mit Strache und Gudenus im Raum gewesen wäre, dann hätte ich sie natürlich sofort zum Rücktritt aufgefordert. Aus Liebe zu unserer Heimat Österreich." Und dann hätte er eine herumstehende österreichische Fahne herausgenommen und Strache und Gudenus übers Knie gelegt. Unser Kämpfer gegen Korruption und für Österreich. Tu felix Austria.

PS: Alles gut? Leider nein: Denn die Flagge, mit der der grundehrliche Vilimsky den bösen Buben Strache und Gudenus den Hintern versohlt hat, war die lettische - die ist nämlich auch rot-weiß-rot. Das wusste Philippa Strache freilich nicht, als sie bei FPÖ-TV am 21. Mai 2019 Harald Vilimsky für die EU-Wahl empfahl. Und was sie noch nicht wusste: Der aktuelle FPÖ-Werbeclip zeigt in einer Sequenz (1:01 Min.) Harald Vilimsky vor Johann Gudenus - jenen Mann, der ihren Mann Heinz Christian Strache in das Ibiza-Desaster stürzte. Eine besondere Infamie von FPÖ-TV gegenüber der jungen Mutter.

Christoph Maria Handlbauer, 4209 Engerwitzdorf

Aufgerufen am 27.11.2020 um 08:19 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/vilimskys-momentane-wahlkampfsprueche-orbans-realitaet-und-eine-oesterreichisch-lettische-loesung-70725298

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