Leserbrief

Von "bösen Milliardären" und Frühaufstehern

Zum Leitkommentar von Richard Wiens: "Halten böse Milliardäre die halbe Welt in Armut?" (SN 22. 1. 19):

Richard Wiens bemüht sich redlich und vergeblich um eine ausgewogene Position zum jüngsten Oxfam-Bericht über die weiter steigende Schräglage bei der globalen Vermögensverteilung. Er tadelt mit heiligem Eifer "finstere Despoten" und die böse "Waffenhändler" und lobt die guten "Milliardäre", die die Armen mit "sauberem Wasser" versorgen. Er meint es offenbar ernst. Und wenn die segensreichen Engel aus Vevey und anderswo noch nicht gestorben sind (und immer noch lächerlich niedrige Unternehmenssteuern zahlen) … Aber zurück zur Wirklichkeit: Immer drastischer zeigt sich die Janusköpfigkeit der entfesselten Marktwirtschaft: Zwar ist es unbestreitbar, dass der Kommando-Kapitalismus in Fernost die Armut auf der Welt - statistisch - in historischem Ausmaß reduziert hat. Anzeichen dafür gibt es zuletzt selbst in Teilen Afrikas. Gleichzeitig aber wächst weltweit - auch bei uns - das Massenheer jener, die eine von Ethik und Vernunft weitgehend befreite "Marktwirtschaft", die früher noch stolz das Attribut "sozial" trug, gnadenlos ausspuckt. Bei ausreichender Regulierung und fairer Verteilung (!) kann Marktwirtschaft für das Gemeinwohl nachweislich höchst nützlich sein. Europa hat es bewiesen. Es war einmal... Die Folgen der von Oxfam pointiert aufgezeigten Entwicklung für Gesellschaft und Ökosphäre sind fatal. Auch die aktuelle österreichische Bundesregierung hat sich ja, wie es scheint, mit ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik den "Märkten" bedingungslos verschrieben. Zum Ausgleich gibt es "Tempo 140" und keine Pensionsreform. Für Stimmung und Stimmen sorgt bislang jene schweigende Mehrheit, die die Regierung mit markiger "Ausländerpolitik" emotional bei der Stange hält, während sie ihr das Fell über die Ohren zieht. Noch gelingt die "Message-Control". Je später das Erwachen der Betäubten, umso schlimmer die Folgen. In diesem Sinne ist dem Frühaufsteher-Appell des Kanzlers absolut zuzustimmen.


Dr. Friedrich Michael Steger, 5161 Elixhausen

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