Leserbrief

"Vuaschrift is Vuaschrift"

Die große Aufregung um die sogenannte Osterverordnung hat aus meiner Sicht vor allem eines gezeigt: Österreich ist nicht reif (und fähig?) für eine verantwortungsvolle und freie Gesellschaft.

Denn eigentlich hätte der Aufruf zur Vorsicht und die Erklärung der Risiken für eine Infektion reichen müssen, um selbst zu entscheiden, in welcher Form man sich zu Ostern mit anderen getroffen hätte. Stattdessen wurde der Ruf nach einer ganz genauen Erklärung laut, weil man wissen wollte, was jetzt erlaubt sei und was nicht.
Anstatt Eigenverantwortung zu übernehmen, wollen wir die ganz genaue Vorschrift, um einerseits nicht selbst denken zu müssen und um andererseits die Politik als Sündenbock zu haben, auf die wir die Schuld schieben können, wenn etwas daneben geht.

Wenn man dann mitbekommt, wie groß die Bereitschaft in der Gesellschaft ist, Menschen bei der Behörde zu melden, die sich treffen, aber nicht im selben Haushalt wohnen, wie auch WhatsApp-Gruppen gegründet werden, um auszutauschen, wer sich mit wem verbotenerweise getroffen hat, flößt dies Angst ein - jene Angst, dass wir aus der Geschichte ganz wenig gelernt haben, denn der Überwachungsstaat scheint uns viel näher zu liegen als eine freie, verantwortungsvolle und demokratische Gesellschaft.

Die Demokratie haben wir Österreicher uns ja auch nicht selbst erarbeitet - sie wurde uns quasi geschenkt. Denn zum Erkämpfen von Freiheit und Eigenständigkeit ist die österreichische Seele einerseits zu faul, andererseits zu feige.

Lieber sind uns kleinkarierte Verordnungen, um sagen zu können: "Vuaschrift is Vuaschrift."


David Hauser, 5302 Henndorf

Aufgerufen am 29.10.2020 um 03:38 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/vuaschrift-is-vuaschrift-86366035

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