Leserbrief

Weihnachtsmann kontra Christkind

Sehr geehrte Frau Schenker,

mit großem Interesse habe ich in der Wochenendausgabe der SN-Lokalbeilage vom 18. Dezember Ihre Ausführungen zum Verdrängungsprozess in weihnachtlichen Wohnstuben gelesen, denen ich gerne zwei Aspekte hinfügen möchte:

1. Weit mehr als durch die von Moritz von Schwind dem Slawischen entlehnte Gestalt des "Herr Winter" von 1847 dürfte das Bild des strafenden Nikolaus durch die Illustration im Kinderbuch "Struwwelpeter" von Dr. Heinrich Hoffmann von 1844 ("Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von drei bis sechs Jahren") geprägt worden sein. Im Kontrast zum belohnenden Christkind, bekrönt und in engelhaftem weißem Gewand ("wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind"), und ausgestattet mit allen möglichen Geschenken, erscheint dort mit versteinertem Gesicht "der große Nikolas mit seinem großen Tintenfaß" zur Bestrafung der Kinder ("und hätten sie nicht so gelacht, hätt Niklas sie nicht schwarz gemacht"), nicht im Bischofsgewand, sondern im Kaftan mit Tarbusch und gelben Pantoffeln. (vgl.https://de.wikisource.org/wiki/Lustige_Geschichten_und_drollige_Bilder)
2. Das von Martin Luther zulasten des Hl. Nikolaus propagierte Christkind dürfte sich im niederländischen Kulturraum nicht zuletzt auch deshalb nicht durchgesetzt haben, als die Reformation dort letztlich calvinistisch-reformiert, also nicht evangelisch-lutherisch, geprägt war.

Tilmann Schaible, 5110 Oberndorf

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