Leserbrief

Wenn genug nie genug ist

Wenn man in Mittersill geboren wurde, dort aufgewachsen ist und die dortige Schönheit der Natur schon als Kind verstanden hat, tut einem das schon weh, wenn man die gegenwärtige Entwicklung betrachtet und vor allem auch die Geschichte dazu miterleben musste.

Das Hotelprojekt "Six Senses", das am Jagafeld und im Herbertwald direkt angrenzend zur Naturperle Wasenmoos und den höheren Mooren am Pass Thurn, die nicht renaturiert wurden, entsteht, regt auf und das zu Recht!

Weil es einem vor Augen führt, wie wir mit unserer Natur umgehen, wie wir unsere Heimat verkaufen, ohne Rücksicht auf Mensch und Tier, wie einige wenige dadurch richtig Geld verdienen und Politik und Behörden vor ihren Karren spannen.

Weil es einem vor Augen führt, was für einige wenige alles möglich ist, während für den großen Rest niemals vorstellbar war, dass in einer solch sensiblen Lage jemals eine Baubewilligung erteilt werden kann.

Weil es einem vor Augen führt, wie Anrainerproteste und Expertenmeinungen jahrelang gekonnt ignoriert wurden, wenn der politische Wille gegeben ist, das Projekt umzusetzen.

Denn wenn Kitzbühel drauf steht und Mittersill drinsteckt, werden Investorenträume wahr, da sich mit der Marke Kitzbühel, wie man sieht, so richtig viel Geld verdienen lässt. Und sogar die Marke Porsche lässt sich darauf ein, obwohl es völlig absurd anklingen mag, dass hier mit Nachhaltigkeit geworben wird und nach den Abgasskandalen die Marke Porsche dringend eine Imagekorrektur von Nöten hätte.

Wenn dafür ein Wald gerodet werden musste, ein roter Bach mit Ausläufern des Hochmoors links und rechts verbaut wird und somit ein Hochmoor gefährdet wird, weil der Wasserhaushalt und die innere Vernetzungen im Naturhaushalt niemals an der ausgewiesenen Schutzgebietsgrenze enden, fehlt der Bevölkerung das Verständnis für jede Nachhaltigkeit dieses Projekts.

Wenn argumentiert wird, dass es ohne diese Projektierung das Wasenmoos nicht geben würde. Obwohl jeder weiß, dass das Wasenmoos bereits seit 1978 ein Naturdenkmal ist und Mensch und Tier dort schon seit Jahrhunderten friedlich nebeneinander gelebt haben, fehlt der Bevölkerung jede Glaubwürdigkeit dieses Projektes.

Und das Besorgnis Erregende dabei ist, das das Projekt im Jagafeld angrenzend zum Wasenmoos nicht das einzige Projekt ist, das entstehen sollte! Allein am Pass Thurn sind noch einige weitere Projekte in der Planung. Aber auch anderswo im Pinzgau wird schon eifrig geplant und getüffelt. Der Pinzgau ist derzeit Spitzenreiter bei Chaletprojekten und Investorenmodellen. Weil genug eben nie genug ist!

Versteht mich nicht falsch, der Tourismus ist und war wichtig für unsere Region. Er hat uns Wohlstand gebracht, aber man darf nicht vergessen, warum er uns das gebracht hat. Weil wir ein wertvolles Gut besitzen, die unberührte Natur und die fleißigen Landwirte, die unsere Natur- und Kulturlandschaft pflegen. In einer immer hektisch werdenden Zeit sucht der Gast von morgen nicht das Entertainment am Berg, sondern die Ruhe und die Stille, was im Wasenmoos mit dieser überdimensionierten Projektierung nicht mehr gegeben sein wird. Gerade deshalb gehört die Natur und die Landwirtschaft geschützt!

In Zeiten von Klimawandel, der immens steigenden Immobilienpreise und des Fachkräftemangels muss man sich die Frage stellen, wann die Grenzen dieses Wachstums erreicht sind.

Wie viele Chalets mit Zweit-Wohnsitzwidmung und Investorenmodelle zur Umgehung der Zweitwohnsitzbeschränkung sollen noch entstehen? Wie werden sich diese Investorenmodelle in Zukunft entwickeln, wenn viele davon kreditfinanziert sind, weil man den Investoren vorrechnet, dass sie mit einer Bomben-Auslastung locker die Kreditrate und die Betriebskosten inkl. der Gebühren für die Agentur, welche für die Investoren die Vermietung ihrer Chalets regeln, stemmen werden?

Wie viele Tränen mussten schon getrocknet werden, weil Investoren es nicht verstanden haben, dass sie oft ein Eigentum erworben haben, das sie ja gar nicht in dem Ausmaß nutzen können, wie sie es sich vorgestellt haben? Dass man Weihnachten womöglich eben nicht im eigenen Chalet verbringen kann, weil ihr Chalet vermietet werden muss und man nur wenige Wochen im Jahr es selbst bewohnen kann, weil sie sonst illegal einen Zweitwohnsitz begründen würden. Was ist, wenn diese Investorenmodelle wie eine Blase platzen und wir uns mit Geisterdörfern in unserer schönen Heimat auseinander setzen müssen?


Claudia Wolf, 5071 Wals

Aufgerufen am 23.01.2022 um 02:05 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/wenn-genug-nie-genug-ist-78739159

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