Leserbrief

Wie ist unser Verhältnis zum Tod?


Die Aufregung um die Tote, die während der Nachtstunden auf die Couch ihrer Bekannten gebettet wurde, weil eine Totenbeschau nach 22 Uhr nicht mehr möglich war, gibt mir zu denken. Wie steht es mit unserem Verhältnis zum Tod?

Da sitzt jemand an unserem Tisch, isst und plaudert mit uns, ist ein Mann oder eine Frau und hat einen Namen.
Dann stirbt dieser Mensch - und wird in kürzester Zeit eine Leiche, für die man eine Lagerstätte braucht. In unserer Panik vor dem Tod möchten wir diesen Menschen auf der Stelle loswerden, in einen Plastiksack gehüllt, in eine Kiste verfrachtet, auf eine Lagerstätte verbracht - wie Müll. Dass dieser Mensch noch einige Stunden in unserer Wohnung liegen soll, finden wir "würdelos" und eine Zumutung, dabei wäre doch gerade diese "Gastfreundschaft" für eine soeben Verstorbene die würdevollste und menschlichste Geste. Vielleicht sollten wir uns dem stellen, was wirklich hinter unserer Empörung steckt - die Angst vor dem Tod und den Toten, die in unserer Welt zwar jeden Abend zigfach auf den Bildschirmen zu sehen sind, die wir in der Realität aber nicht einmal für wenige Stunden in unserer Nähe ertragen. Das wäre ehrlicher!

Uta Perz

, 5760 Saalfelden

Aufgerufen am 21.05.2022 um 11:49 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/wie-ist-unser-verhaeltnis-zum-tod-115412503

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