Leserbrief

Wie kann man nur (S)einen Todestag feiern?

Danke an Inge Baldinger und Richard Wiens: zu "Das Kreuz mit dem Karfreitag" (SN vom 23. 1. 19):

Das Kreuz auf Golgotha, der Tod Christi, ist dann erschreckend, wenn das Geschehen mit dem Karfreitag geendet hätte. Doch dass Gott diesen geschundenen und gemarterten Jesus nicht als Gescheiterten im Tod ließ, sondern die Auferstehung, der Ostersonntag folgte, das ist die frohe Botschaft. Mehr noch, diese Verbindung von Kreuz und Auferstehung ist ein Fanal der Hoffnung in einer Welt, in der so viele Menschen nach Sinn suchen. Es ist auch eine plakative Ermahnung, unter diesem Zeichen nicht zu verzagen. Ostern ist Anlass, voller Stolz in die Welt hinauszugehen, die Tore weit aufzustoßen und die Menschen wissen zu lassen, dass Christus lebt. Ewig lebt. Ewig leben wird. (Karl Heinz Ritschel, SN, Ostern 1993).
Im Gefolge dieses Kreuzes am Berg Golgotha wurden Tausende Kreuze aufgestellt. Beileibe nicht alle von ihnen entsprechen dem Vorbild. Viele, sehr viele (viel zu viele) symbolisieren allein die Ausrichtung: Tod, Sünde, Horizont und ließen den Aspekt: Auferstehung, Erlösung, und Transzendenz darüber vergessen (Wolfgang Machreich, Die Furche 19. 9. 2002).
Mit der ganzen Christenheit stimmt etwas nicht. Nietzsches Wort von den Kirchen als "Grabmäler und Grüfte Gottes" und "Denkmäler der Katastrophen des Karsamstags" kommen nicht von ungefähr. Ist das Christentum wirklich nur Tod- und Klage- Religion? (Elias Canetti). Nein! Leben und Freude, Wiedergeburt und Auferstehung.
Das Bild des Einen, so Canetti, um dessen Tod die Christen 2000 Jahre klagen, ist ins Bewusstsein der gesamten wachen Menschheit eingegangen. Es ist ein Sterbender, und er soll nicht sterben (Adolf Holl 2005). Wir sollen ihn nicht weiter am Karfreitag feiern. Lassen wir das Mittelalter hinter uns.
Wie kann man nur (S)einen Todestag feiern? Endlich ist die Chance gekommen, diesen Karfreitag abzuschaffen, den Leidenstod nicht vergessen, ihn innerlich bedauern, aber nicht ewig trauern, sondern zu Ostern die Auferstehung und Neugeburt der Menschheit feiern.


Werner Slupetzky, 5741 Neukirchen am Großvenediger

Aufgerufen am 27.11.2020 um 04:30 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/wie-kann-man-nur-seinen-todestag-feiern-64622224

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