Leserbrief

Wie man die Kirchen leert

Vor einiger Zeit wurde berichtet, dass in Österreich die Anzahl der Kirchenaustritte massiv zunehme. Tirol war dabei gar Spitzenreiter. Manch einer mag sich vielleicht fragen, wie es so weit kommen kann. Hier das watscheneinfache Rezept:
Man nehme eine mittelgroße Gemeinde, irgendwo, sagen wir zum Beispiel im Tiroler Oberland. Diese Gemeinde lasse man jahrelang unter der Führung eines Priesters, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, sich ein Denkmal zu setzen und zwar in Form eines wirklich sehr großen Gebäudes, das als gemeinsamer Treffpunkt für Alt und Jung, quasi als eine Art Boot, fungieren soll.
Da besagter Priester sich zu höherem als dem Dienst am gemeinem Schäfchen berufen fühlt, nehme man einen neuen Priester. Jung, sehr belesen, Doktor vom Ausbildungsgrad und wirklich volksnah. Ein junger Mann, der es in kurzer Zeit vermag, Kinder und Jugendliche, aber auch deren Eltern in seinen Bann zu ziehen. Kaum eine Messe, ohne dass nicht ein riesengroßes Lächeln im Gesicht des Kirchenmannes zu sehen ist. Predigten so voller Weisheit und auch Direktheit, dass man oft nicht anders kann, als zustimmend zu nicken. Am liebsten möchte man laut Hallelujah rufen.
Es scheint gut zu laufen, der Priester scheint sich wohl zu fühlen, ebenso die Kinder und Jugendlichen. Der Ansturm an die Ministranten- und Jugendgruppe ist enorm. Das auch, weil der Priester tatkräftige Unterstützung von einer jungen Pastoralassistentin erhält, die ihren Glauben wahrhaft mit enormer Leidenschaft auslebt und viele damit ansteckt.
Die Messen waren fortan gut besucht, Jung und Alt trafen sich und man sah fröhliche Gesichter.
Alles andere als erfolgreich also, um das Ziel einer leeren Kirche zu erreichen. Etwas musste passieren?
Eine überschaubare Gruppe Abtrünniger musste geheime Treffen einberufen. Böse Briefe verfassen und Unterschriften sammeln. Die Messen wurden mittels Handykamera heimlich gefilmt und dann der Paukenschlag der Inszenierung: Alles ab zum neu berufenen Bischof!
Natürlich ist so etwas ein überaus erfolgreiches Vorgehen, vor allem, weil sich ein paar namhafte Personen unter die Verschwörer geschlichen hatten.
Es kam, wie es kommen musste. Der erfolgreiche, junge Priester wurde versetzt. Freilich nicht in den Nachbarort, sondern freilich ganz weit weg in irgendein verlassenes Tal. Wäre ja noch schöner, wenn so jemand sein Talent der Menschenfischerei noch einmal wo ausüben würde.
Um nun endlich die Kirche leer zu bekommen, bedurfte es zwei neuer Kirchenvertreter. Hier bezahlt es sich am besten, wenn es welche sind, die die Entwicklungen der heiligen, katholischen Kirche, vor allem was Weltoffenheit und Laientätigkeit betrifft, verschlafen haben.
Wenn Messen nach alter Tradition vom Priester gesunden werden, ein paar lateinische Ausdrücke hie und da einfließen und gelegentlich der Rücken zum Volk gedreht wird, kommt man dem Kirchenräumungsziel ganz schnell nah.
Es mag nämlich romantisch sein, so eine Retromesse und manch Nostalgiker mag sich auch wohl fühlen in der von Weihrauch getränkten Luft und klerikalem Zeigefinger. Die große Mehrheit aber, hängt wohl doch eher einer moderneren Messeführung an. Ergo: Die Kirche ist seit dem Wechsel leer, die Messen äußerst spärlich besucht und der Altersschnitt sehr weit fern der 60. Kinder und Jugendliche? Fehl am Platze!
Ziel erreicht würde ich sagen! Ein Bravo der Diözese und allen anderen Protagonisten. Das alles geschah in einer mittelgroßen Gemeinde ganz bestimmt im Sinne Jesu.

Monika Nyenstad, 6170 Zirl

Aufgerufen am 26.11.2020 um 07:16 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/wie-man-die-kirchen-leert-83026330

Schlagzeilen