Leserbrief

Wie wehleidig darf man in der Politik sein?

Django (Rudolf Mitterlehner) hat geschossen. Hat er getroffen? Die Politik ist ein Tagesgeschäft. Was heute gilt, ist morgen vergessen. Ich frage mich, ob all die Herren, die sich jetzt um den Jungstar Kurz scharren, auch dann hinter ihm ein werden, wenn er einmal - was ja auch geschehen kann - nicht mehr so erfolgreich ist wie jetzt. Mir fällt ein, die ÖVP war eine christlich-soziale Partei. Von Kunschak bis Mock hat das so gegolten. Zur Zeit ist die türkis-blaue (umgefärbelte) ÖVP in einer Mitte-Rechts-Regierung. Manchmal habe ich schon den Eindruck, mit dem Christlich-Sozialen hat die derzeitige ÖVP nichts am Hut. Aber mit liberal punkten auch die NEOS und gar nicht schlecht. Die österreichische Politlandschaft ist in einem Veränderungsprozess. Man kann gespannt sein, welche Veränderungen noch ins Haus stehen.
Auch in der SPÖ gibt es Realpolitiker wie den neuen burgenländischen Landeshauptmann als auch den Wiener Bürgermeister Michael Ludwig. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass beide, wenn das sich rechnerisch ausgeht, durchaus bereit wären, mit einer ÖVP mit einem christlich-sozialen Kern in Koalition treten würden. Dann sind wir wieder bei Mitterlehner und seiner Einschätzung der politischen Alltagsarbeit. Politik ist, wie schon Max Weber sagte, das "Bohren dicker Bretter". Und der Herr Kurz, der Sonnyboy der derzeitigen Politik, würde sich sehr schnell einen noch besser dotierten Posten in der Wirtschaft suchen, wenn für ihn die "Sterne Friedlands" nicht mehr so günstig stehen als jetzt. Von einer Spur Idealismus und Weitsicht keine Spur.
Die selbst ernannten Granden, Oberjägermeister, etc. blasen Halali für den nächsten
"Messias". Bekanntlich wurden ihm gegenüber die Hosianna-Rufe bald zu Cruzifixe-Schreie.
Ich finde Mitterlehner nicht wehleidig; er sagte, was ihm wichtig war und ist. Und das wird im Schlächtergeschäft der Politik doch noch erlaubt sein.

Dr. Anton Mantler, 1070 Wien

Aufgerufen am 20.10.2020 um 01:53 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/wie-wehleidig-darf-man-in-der-politik-sein-69212908

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