Leserbrief

Wiederaufbau oder Neuaufbau?

Vor 75 Jahren brannte der Wiener Stephansdom nieder. Innerhalb kürzester Zeit wurde der Wiederaufbau begonnen. So wie er war, sollte er in neuem Glanz erstrahlen. 1598 brannte der Salzburger Dom. 1611 legte Erzbischof Wolf Dietrich den Grundstein für den neuen Dom, ein neues Salzburg sollte erstrahlen, nach barockem italienischem Vorbild. Großzügige Plätze sollten den Dom umgeben - dafür mussten viele Häuser weichen. Noch heute wird das barocke Salzburg, wie es Wolf Dietrich grundgelegt hat, bewundert. Der Erzbischof hatte eine Idee und diese Idee begann er zu verwirklichen. Der Brand des Domes bot ihm die Gelegenheit, Neues zu schaffen.
In den vergangenen Wochen ist vieles zusammengebrochen, wie ein riesiger Flächenbrand oder eine ähnliche Katastrophe. Weltweit ist die globalisierte Wirtschaft zusammengebrochen, weltweit wurde das zivile Leben gleichsam heruntergefahren.
Was tun mit der entstandenen "Ruine". In gleicher Weise möglichst schnell wieder aufbauen oder Neues schaffen? Sollen wir all das schnellstens wieder hochfahren, was so viel Unheil gebracht hat: gegenüber der Natur, gegenüber dem Klima, weltweite Ungerechtigkeit bei Einkommen und Vermögen usw.?
Ich befürchte, dass die Machthaber in Politik und Wirtschaft, Tourismus und Spitzensport einen solchen Wiederaufbau anstreben.
Ich hoffe aber, dass über den jetzigen Trümmern Neues entstehen kann. Eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Neuordnung, wo der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht Macht, Gewinn und Konkurrenz; wo weltweite Solidarität das Fundament des Wirtschaftens bilden; wo Umwelt und Klima den nötigen Respekt erhalten usw.
Das ist sicher eine ganz große Herausforderung, aber: "Wir werden das schon schaffen".


Matthias Fuchs, 5082 Grödig

Aufgerufen am 03.12.2020 um 03:18 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/wiederaufbau-oder-neuaufbau-86217226

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