Leserbrief

Wissen und Expertise in Zeiten des Virus

Wer in CNN die Briefings (kurze Pressekonferenzen mit Fragemöglichkeit) von Trumps Team zur Coronakrise verfolgt, kann sich ein Bild davon machen, was eine Kombination von Halbwissen, Macht, Größenwahn und Narzissmus anrichten kann.
In westlich orientierten Demokratien sollte man davon ausgehen dürfen, dass zwischen richtig und falsch, gerecht und ungerecht unterschieden werden kann. Wie komplex und schwierig Entscheidungen sein können, zeigen uns die unterschiedlichen Reaktionen der jeweiligen Bevölkerung auf die Maßnahmen der Mächtigen in den vom Coronavirus betroffenen Ländern. Als ehemaliger Lehrer und Schulleiter nehme ich als Entscheidungsbeispiel in Österreich das Schließen der Kindergärten, Schulen und Universitäten. Das dadurch notwendig gewordene "Distance Learning" hat, natürlich abhängig von den handelnden Personen, selbst in Kombination mit Homeoffice gut funktioniert und wird zu einer Intensivierung dieser Formen auch nach der Krise führen. Eine positive Erkenntnis in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass das Wort schulfrei plötzlich nicht mehr ganz so positiv besetzt ist wie früher. Denn Lernen und auch die universitäre Lehre benötigen sowohl die Gemeinschaft der Lernenden als auch den direkten persönlichen Kontakt mit den lehrenden Personen, also die unverzichtbare menschliche und soziale Komponente. Virtuell ist eben nicht gleich wirklich, echt, greifbar, konkret, realistisch! Die Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Termin und dem Modus der Wiederöffnung der Schulen und aller abschließenden Prüfungen wird zusätzliche Auswirkungen haben, deren Tragweite derzeit noch nicht abzuschätzen ist.
Es gibt eine globalisierte Welt, aber keine globale Gemeinschaft, die diese Bezeichnung sinngemäß verdient! Einigkeit der Ansichten und Meinungen wird auch in Zukunft wohl oder übel über Wahrheit gestellt - in der Parteipolitik, in der Religion und selbst in der Wissenschaft, in der eigentlich die Wahrheit dominieren sollte. Der Fairness halber ist festzustellen, dass die Trennlinie zwischen Werten und Emotionen sowie Wahrheit und Wirklichkeit auch in der Zukunft fließend ist und bleibt.

HR Dir. a. D. Mag. Kurt Riedl, 5020 Salzburg

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