Leserbrief

Wo bleibt die christlich-soziale Verantwortung?

Die deutsche Bundesregierung unter Angela Merkel hat sich bereit erklärt, zusätzlich zu den 150 unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden noch weitere 1553 Flüchtlinge aus den Elendslager auf den griechischen Inseln, vor allem aus Lesbos, in Deutschland aufzunehmen. Das nötigt Anerkennung und Respekt ab. Auch eine Reihe anderer EU-Staaten und darüber hinaus haben sich zu einer begrenzten Übernahme, vor allem von Kindern, bereit erklärt. Das lässt den dominanten türkisen Teil unserer Regierung kalt. Im Gegenteil, in zahllosen Interviews und Stellungnahmen graben sich der Kanzler und sein Gefolge immer tiefer in ihre ablehnende Haltung ein, auch nur einen einzigen dieser bedauernswerten Menschen bei uns aufzunehmen. Ich habe fast den Eindruck, die zahllosen Appelle von Opposition, Zivilgesellschaft, Hilfsorganisationen, Kirchen, verhalten auch vom Koalitionspartner, erzeugen beim Kanzler einen trotzigen Rechtfertigungsdruck, der ihm keinen Spielraum mehr lässt. Wie er in diesem Zusammenhang von "christlich-sozialer Verantwortung" sprechen kann, ist schon mehr als bemerkenswert.
Der unterschiedliche Zugang zu diesem Thema gibt jenen Kommentatoren recht, die Sebastian Kurz europapolitisch näher bei den Visegrád-Staaten, insbesondere bei Viktor Orbán, als bei Angela Merkel verorten. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Kanzler jemals auch nur die leiseste Kritik an dem immer autoritärer auftretenden Ungarn und seiner "illiberalen Demokratie", die allen EU-Werten zuwiderläuft, geübt hätte.
Es sieht generell nicht gut aus. Dabei wäre gerade in Zeiten wie diesen ein starkes, geeintes Europa, das solidarisch agiert, wichtiger denn je. Die zahlreichen, vielfach innenpolitisch motivierten nationalen Egoismen müssen da leider pessimistisch stimmen.


Erhard Sandner, 5081 Anif

Aufgerufen am 23.11.2020 um 09:00 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/wo-bleibt-die-christlich-soziale-verantwortung-93124996

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