Leserbrief

Wolf und Bär in den Alpen nicht nur einäugig sehen

Es mutet einen als in Sachen Land- und Almwirtschaft erfahrenen Menschen (acht Sommer als Hirte und Senn sowie langjähriger Geschäftsführer einer großen Genossenschaftsalpe mit 3400 ha) schon nahezu grotesk an, mit welcher Vehemenz der strenge Schutzstatus der sich wieder einbürgernden großen Beutegreifer verteidigt wird. Dabei handelt es sich um Raubtiere, die

1. massive, vor allem im alpinen Bereich nicht abwendbare Schäden im Rahmen der Weidewirtschaft verursachen;

2. keinesfalls vom Aussterben bedroht sind (allein in Europa leben zwischen 25.000 und 30.000 Wölfe!) und

3. eine ökologische Bedeutung ihrer Existenz für den Alpenraum mehrfach negativ einzustufen ist.

Die Tatsache, dass eine wolfsichere Einzäunung von Weidetieren im alpinen Bereich sowohl technisch als auch finanziell nicht machbar ist, wird bereits allgemein erkannt und auch eingesehen. Die hier nicht realisierbaren Herdenschutzmaßnahmen werden bereits nach den ersten auftretenden Wolfsattacken zunächst eine Auflassung der Schafhaltung und damit eine Verödung wertvollen alpinen Grünlands verursachen.

Bei einem Verschwinden des Kleinviehs (Schafe und Ziegen) werden vom Wolf vermehrt auch Rinder angefallen und getötet, d. h. mit anderen Worten: Rückgang der Almwirtschaft mit allen damit verbundenen Konsequenzen für Landwirtschaft und Tourismus.

Eine Auflassung der Grünlandnutzung führt zu einem drastischen Rückgang der Artenvielfalt in der alpinen Flora, fördert auf den nicht mehr genutzten Grashängen die Lawinenintensität und die Bildung von Plaiken (Hangausbrüchen), welche wiederum eine verstärkte Vermurungsgefahr für die unterliegenden Kultur- und Siedlungsräume nach ziehen.

Mit einem deutlichen Rückgang der Almwirtschaft sind noch weitere, sehr wesentliche Nachteile verbunden. Wenn unsere Wiederkäuer in der Kritik stehen, mit ihrer Verdauung große Mengen an Methangas zu erzeugen, so sollte man auch wissen, dass es gerade der Weidegang ist, der die niedrigsten Methan-Werte verursacht! Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass bei extensivem Weidegang (eben auf Almen und Hutweiden) der höchste Gehalt an Omega-3-Fettsäuren sowohl in den Milchprodukten als auch beim Fleisch erzielt wird - und darauf soll in Zukunft verzichtet werden?

Der Bergtourismus würde durch einen Rückgang der Almwirtschaft massiv an Reiz verlieren. Verschlossene Almhütten, keine Almjause, kein Anblick von friedlich grasenden Herden, verkommene Wege und Steige - alles Umstände, die wir uns nicht wünschen.

Noch ein Aspekt, der nicht für den Wolf spricht: Leider kommt es im alpinen Bereich immer wieder durch Wolfsattacken verursachte Viehabstürze. Nicht selten sind die Kadaver nicht mehr auffindbar und liegen in einer Schlucht oder einem unzugänglichen Wasserlauf, schlimmstenfalls in einem Quelleinzugsgebiet oder sogar in einem Quellschutzgebiet!

Der hohe Schutzstatus der großen Beutegreifer stellt somit eine unzumutbare Belastung für die Landwirtschaft und in der Folge auch für den Tourismus dar, bringt eine ganze Reihe von Nachteilen für unser alpines Ökosystem mit sich und - ist daher aufzuheben!


Franz Sendlhofer, 5630 Bad Hofgastein

Aufgerufen am 22.10.2020 um 05:43 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/wolf-und-baer-in-den-alpen-nicht-nur-einaeugig-sehen-89312419

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