Leserbrief

Zu Christine Aschbacher

Sehr geehrter Herr Schliesselberger,
als Generalsekretär der Österreichischen Fachhochschul-Konferenz darf ich Ihnen nachstehenden Leserbrief zu ihrem heutigen Leitartikel mit der Bitte um Berücksichtigung übermitteln.
Wenn es um die Beurteilung von skandalösen Einzelfällen geht, ist Generalisierung ein ebenso regelmäßiger wie unsachlicher Reflex öffentlicher Debatten. Denn so wenig der Fall des ehemaligen SPIEGEL-Journalisten Claas Relotius, der seine Reportagen für die renommiertesten deutschen Medien über Jahre hinweg gefälscht hatte, eine allgemeine Aussage über den Journalismus erlaubt, so wenig ist der Fall der zurückgetreten Arbeitsministerin geeignet, pauschal über den FH-Sektor in Österreich zu urteilen. Man muss wohl zur Kenntnis nehmen: Die Versuchung, Abkürzungen zu nehmen, mag eine zutiefst menschliche sein. Führt sie zu Täuschung und Betrug, so ist dies moralisch absolut unentschuldbar. Keine Institution ist davor gefeit, Opfer eines solchen Betrugs zu werden. Das hat DER SPIEGEL gelernt, das wissen spätestens seit den prominenten Fällen Guttenberg und Schavan die Universitäten in Deutschland, und das erfährt in diesen Tagen auch die FH Wiener Neustadt.
Tatsache ist, dass die Methoden, Plagiate aufzudecken seit 2006, als Christine Aschbacher ihr Papier bei der FH eingereicht hat, deutlich weiter entwickelt wurden. Das schließt freilich nicht aus, dass Betrug auch heute noch vorkommen kann - an den FH genauso wie an Universitäten. Fest steht aber, dass Einzelfälle nicht das Gesamtbild zeichnen. Gerade die vom Plagiatsfall Aschbacher betroffene FH ist ein hervorragendes Beispiel für das Grundverständnis dessen, was Fachhochschulen sind: die Verbindung von akademischer Lehre und Forschung mit Praxisnähe auf hohem Niveau. Nicht von ungefähr wird etwa an der FH Wiener Neustadt in Zusammenarbeit mit der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA an Lösungen zur Speicherung von Wasserstoff für regenerative Brennstoffzellen in Satelliten oder an Steuerraketen zur Anpassung der Umlaufbahn von Mikrosatelliten gearbeitet. Die gewonnen Erkenntnisse fließen in die akademische Lehre. Dies ist nur ein Beispiel, das zeigt, auf welch hohem Niveau hier gearbeitet wird und welche Anforderungen an Studierende und Mitarbeiter/-innen gestellt werden. Die Realität an den FH ist also eine andere, nämlich dass Abschlüsse hier alles andere als "billig" sind. Und dennoch bestätigt dieser Fall einmal mehr die alte Weisheit: Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Dieser Fall muss restlos aufgeklärt werden.
1010 Wien

Mag. Kurt Koleznik,Österreichische Fachhochschul-Konferenz,

Aufgerufen am 03.12.2021 um 08:37 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/zu-christine-aschbacher-98538001

Kommentare

Schlagzeilen