Leserbrief

Zum Begriff "Austrotürken"

Leserbrief zum Artikel "Wie Austrotürken wieder Österreicher werden" von Martin Kind in den SN vom 15.12.2018:


Der Begriff "Austrotürken" ist - ebenso wie der Begriff "Deutschtürken" - nicht nur völkisch konnotiert, er ist darüber hinaus irreführend und einem gedeihlichen Miteinander in höchstem Maße abträglich.

Umso mehr verwundert es, dass in den SN vom 15. Dezember sogar Martin Kind, Experte für Einwanderungsrecht an der Universität Wien, diesen Begriff gänzlich unkritisch übernimmt. Während man nach landläufiger Meinung etwas besessen haben muss, um es verlieren zu können, ist laut Kind "in etlichen Fällen eingewanderten Türken die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt" worden, obwohl ein Türke doch höchstens die türkische Staatsbürgerschaft verlieren kann. Wenn Kind weiters von "Austrotürken, die die österreichische Staatsbürgerschaft […] rückwirkend verlieren" berichtet, so fällt dies aufgrund des jahrzehntelangen Sprachgebrauchs schon gar nicht mehr als Widerspruch auf.

Die grammatikalische Eindeutigkeit des Begriffs "Austrotürken" wird dabei genauso übersehen wie die dahintersteckende völkische Denkweise: Ein Türke, der die österreichische oder deutsche Staatsbürgerschaft annimmt, wird diesem Verständnis zufolge nicht etwa Österreicher oder Deutscher. Nein, er bleibt Türke, ob nun als "Austrotürke" oder "Deutschtürke" spielt kaum eine Rolle. Das kommt völkischen Nationalisten sowohl im Entsendestaat, als auch im Empfangsstaat zupass: Die ethnische Reinheit der Nation bleibt unbefleckt. Der türkische Staat hat weiterhin Zugriff auf "seine" Türken im Ausland, die "Biodeutschen" bleiben weiterhin unter sich. Mit unserem modernen, westlichen Nationsbegriff ist dieses letztlich menschenverachtende Nationsverständnis nicht in Einklang zu bringen. Nach österreichischem Verständnis - und die österreichische Nation ist eine "verspätete" und deshalb moderne Nation - wird ein Türke, der die österreichische Staatsbürgerschaft annimmt, Österreicher, gerne auch türkischstämmiger Österreicher. Punkt. Herkunft bedeutet nichts, Bekenntnis zu den Grundwerten unserer offenen Gesellschaft alles.

Kind ist sich der Widersprüchlichkeit seiner Begriffe bewusst. Er wischt sie mit einer völlig deplatzierten Lässigkeit beiseite: "Insbesondere Türken, die seit Jahrzenten in Österreich leben, können aber auf mehreren Wegen wieder 'Österreicher' werden." Sie haben richtig gelesen! Ehemalige Österreicher werden bei Kind flugs zu Türken ohne Anführungszeichen, welche jedoch auf mehreren Wegen wieder zu "Österreichern" mit Anführungszeichen werden könnten. Als wäre die Frage der Zugehörigkeit - um David Foster Wallace zu zitieren - nichts als ein "unendlicher Spaß"!

Sollte sich Kind jemals entscheiden, in die USA auszuwandern und die amerikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen, so würde er sich seinen neuen Landsleuten wie selbstverständlich als Austrian American vorstellen. Er wäre um nichts weniger Amerikaner als etwa Mexican, Chinese oder German Americans. Sollte er sich jedoch als American Austrian präsentieren wollen, würde er bei seinen Gesprächspartnern, die dann wohl doch nicht seine Landsleute wären, nur Kopfschütteln auslösen.

Die eingebürgerten Begriffe "Austrotürken" und "Deutschtürken" stehen der erfolgreichen Einbürgerung unserer türkischstämmigen Zuwanderer massiv im Wege.


Mag. Richard Müller, M.A., 5204 Straßwalchen

Aufgerufen am 27.11.2020 um 12:48 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/zum-begriff-austrotuerken-62676283

Schlagzeilen