Leserbrief

Zum Streit um den "Sohn Gottes"

Der vielleicht doch auch etlichen Christen bekannte Benediktinermönch Bruder David Steindl Rast, der schon seit einigen Jahren seinen Lebensabend zum großen Teil im Europakloster Gut Aich verbringt, schreibt in seinem äußerst lesens- und bedenkenswerten Buch "Credo" (S. 71): "Die sprachwissenschaftlichen Befunde, die zum Verständnis von Ausdrücken wie 'Sohn Gottes' oder 'eingeborener Sohn' verhelfen können, sind heute allgemein zugänglich. Viele der nötigen Handbücher sind auch für Laien verständlich. Die mythischen Vorstellung von Jesus als Gottes eingeborenem Sohn ist leider so eingefahren und weitverbreitet, dass es Mühe kostet, sich von einem wörtlichen Verständnis dieses Bildes zu befreien. Ja, es fällt vielen Menschen schwer, überhaupt wahrzunehmen, dass es sich bei Gottessohnschaft um ein Bild handelt, freilich eines, das tiefe Wahrheit aufzeigt. Reife Menschen sind dafür verantwortlich, sich auch in Glaubensfragen weiterzubilden."
Eigentlich ist diesen Worten nichts hinzuzufügen. Eine Bemerkung erlaube ich sei mir aber noch: Viele Menschen werfen "dem Islam" vor, dass er in Vorstellungskategorien einer längst vergangenen Zeit verblieben sei - dabei sind gläubige Moslems überzeugt, dass sie im Koran "Gottes (=Allahs) Wort" - durch Prophetenmund gesprochen - hören/lesen. Dass vieles, was in der uns in keineswegs "überzeitlicher" Form überkommenen Bibel angeblich "Gottes Wort" ist - überliefert in Form von schriftlich niedergelegten Anschauungen und Erfahrungen vieler Menschen aus vielen Jahrhunderten bzw. von Erinnerungen an und Ausdeutung von Worten des Jesus von Nazareth -, heute genauso wie der Koran einer wissenschaftlich fundierten und uns heutigen Menschen eingängigen Exegese bedarf, wollen/können(?) nicht wenige - auch akademisch gebildete - "Christgläubige" nicht sehen. Hier erweist sich, ob Menschen im Sinn von Steindl Rast "reif" in ihrem Glauben sind.

Solchen Menschen wird heute vielleicht auch klar geworden sein, dass viel wichtiger als der Streit um so genannte "Glaubenswahrheiten" die Frage ist, was "Christ-Sein" und "Leben und Handeln aus christlichem (ich würde lieber sagen: jesuanischem) Geist" in unserer heutigen Zeit bedeuten kann, ja sollte. Ein Nachdenken darüber würde wahrscheinlich der Zielsetzung von Jesus, den die Christen für den Christus (= der Messias), ihren Erlöser halten (sei er nun im wörtlichen oder "nur" im übertragenen Sinn "Gottes Sohn") viel eher entsprechen als der verbissene Streit um seinen Geburtsort, der wohl deshalb Bethlehem wurde, weil man die Prophezeiung des Jesaia - wohl erst nach dessen Tod - auf Jesus von Nazareth bezogen hat.


Mag. Herbert Barta, 5020 Salzburg

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