Leserbrief

Zum Umgang mit Schmerzen und Leiden

Ich finde es egoistisch, einem leidenden Menschen, der offensichtlich den Wunsch hat zu sterben, zu sagen: "Nein, das darfst du nicht, denn für mich ist dein Leben wertvoll." Schließlich sind nicht Sie es, die mit unsäglichen Schmerzen und Leiden zu kämpfen haben und auch wenn Sie sich ehrenvoll um Linderung derselben bemühen, ist dies doch niemals das Gleiche, als sie selbst zu erleben.
Weiters möchte ich sagen: Es geht hierbei nicht um die Wahl zwischen "Pflege meiner Familie" (was sehr egoistisch ist zu verlangen, denn niemand wechselt seiner Mutter/Vater oder Schwiegereltern gerne die Windeln, wäscht sie täglich an sensiblen Stellen bzw. steht Nachts alle zwei Stunden auf, weil der Katheter schon wieder ins Bett ausgeflossen ist - und dies ist nicht erfunden, sondern aus eigener Erfahrung berichtet) und Tod.
Sondern es ist die Wahl zwischen "Pflege meiner Familie" und "Pflege durch eine 24-Stunen-Betreuung" bzw. "Pflege in einem Altenheim bzw. Krankenhaus". Und wenn diese Stationen nichts mehr bringen, dann wird von den meisten erst der Tod angedacht. Leben wollen alle gerne, solange es geht. Nur aus "Rücksicht" auf die anderen will keiner sterben.
Zum Dritten möchte ich noch meine eigenen Erfahrungen schildern: Meine eigene Großmutter musste über 5 Jahre lang die schlimmsten Leiden erdulden, welche nicht einmal starke Schmerzmittel dämpfen konnten. Ich werde niemals den Ausdruck in Ihren Augen vergessen als sie zu mir sagte: "Was seid ihr bloß für Menschen, mich so leiden zu lassen? BITTE tut etwas, HELFT mir!" - und im Anschluss fügte Sie jedesmal hinzu "Nicht einmal der liebe Gott will mich noch, sonst würde ER mich sterben lassen (wenn es schon wir, die Angehörigen, nicht tun)".
Ja, sterben gehört zum Leben. Aber genauso gehören Krankheiten und Geburt zum Leben. Warum ist es also dann richtig und legitim, selbst zu entscheiden, wie und ob ich meine Krankheiten behandeln lasse (oder daran sterbe) oder ob ich ein Kind austrage oder nicht (ergo es töte), und falsch zu entscheiden, ob ich sterben will oder nicht? Wäre meinen Großmutter noch in der Lage dazu gewesen, hätte sie sich selbst getötet, aber da sie auf Pflegende angewiesen war, welche ihr diesen Wunsch verweigern mussten, musste sie sinnlose Jahre schlimmste Qualen erleiden. DAS ist nicht in Ordnung.

Angelika Stranger, 5521 Niedernfritz,

Aufgerufen am 22.01.2021 um 11:54 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/zum-umgang-mit-schmerzen-und-leiden-84946519

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