Gewinner-Story #salzburglove

Die Frau, die nicht kochen durfte

 SN/photo by renate vanaga on unsplash

Vor Kurzem saß ich mit einem Freund in einer Bar und wir haben uns über alles Mögliche unterhalten. Familie, Arbeit, Freunde, Politik, Umweltschutz und Sport - die Gesprächsthemen gehen uns beiden nie aus. Da machte mich mein Freund darauf aufmerksam, dass an der Eingangstür zum Lokal eine Rollstuhlfahrerin es scheinbar nicht schaffte, die Tür gleichzeitig offen zu halten und selbst hindurchzufahren.

Ich stand auf, ging hin und schob sie durch die Tür. Kurze Zeit später rollte sie an unseren Tisch und fragte mit sehr verwaschener Sprache, ob sie sich zu uns setzen dürfe. Wir hatten nichts dagegen und auch wenn das Gespräch mit ihr etwas holprig und mühsam vonstattenging, hatten wir schon bald einiges an gegenseitiger Information beisammen. Sie sagte, sie habe eine Krankheit, die ihre Organe, Nerven und damit auch die Muskulatur in Mitleidenschaft zöge. Das erklärte also ihre unruhigen, unkoordinierten, zappelnden Bewegungen sowie ihre Schwierigkeit, sich zu artikulieren.

Mein Freund und ich waren also plötzlich mit einer Frau konfrontiert, die zwar geistreich, klug und witzig war, aber in einem Körper gefangen blieb, den sie nur bedingt unter Kontrolle hatte. In einer solchen Situation waren wir beide noch nie und ich gebe zu, dass es nicht einfach war. Vor allem machte ich mir Sorgen, ob ich mich ihr gegenüber auch korrekt verhalten würde. Das fragte ich die Frau auch direkt.

Sie meinte, dass wäre der Grund, weshalb sie gerne bei uns sitzen würde, da sie eben den Eindruck habe, wir würden sie wie einen ganz normalen Menschen behandeln und nicht wie eine körperlich und geistig beeinträchtigte Person. Viele Menschen, denen sie täglich begegnete, würden nämlich genau das denken, dass sie geistig behindert wäre. Das liegt an der Sprache, erwiderte ich und an den unkontrollierten Gesichtszügen, ergänzte sie. Auch im Lokal erntete unser seltsam anmutendes Grüppchen teilweise verständnislose Blicke. Zweifel las ich heraus. Warum geben sich die beiden Männer mit diesem armen Geschöpf ab, las ich in den Gesichtern mancher.

Sie erzählte uns, dass sie alleine lebe und ihren Alltag auch irgendwie bewältigen könne, dass sie gerne abends ausging und früher sehr sportlich war. Nur kochen, das dürfe sie mittlerweile gar nicht mehr, zu groß wäre wohl die Verletzungsgefahr für sie selbst. Heißes Wasser, Messer - an die ganzen Stolpersteine denkt man als gesunder Mensch gar nicht. Alles kein Problem, für sie schon.

Als ich ging, nahm mich der Kellner beiseite und sagte mir: "Die …" (man kannte sie in dem Lokal bereits beim Namen) "… hat durch euch zwei heute sicher einen schönen Abend erlebt." Denn oft saß sie wohl allein dort, gefangen in sich, nur eingeschränkt fähig, mit der Umwelt in Kontakt zu treten. Am Rand einer Gesellschaft, die sie manchmal wohl bewusst ignoriert.

Harald Wieser

Aufgerufen am 27.11.2021 um 07:12 auf https://www.sn.at/leserforum/leserspalte/gewinner-story-salzburglove-die-frau-die-nicht-kochen-durfte-78836539

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