Gewinner-Story #salzburglove

Er nannte sich DJ Joe

Symbolbild SN/photo by sam carter on unsplash
Symbolbild

Er nannte sich DJ Joe und war Marokkaner. Er trug Rastazöpfe, bunte Hawaii Hemden und eine goldene Halskette. Man sah ihn selten mit seiner Freundin in der Stadt. Sie trug Plateauschuhe, reichlich Make up und Kummer im Gesicht. Beide arbeiteten Nachts. Er in einem Tanzlokal, sie in einem anderen Tanzlokal.

Ich war 21 und saß alleine im Café. DJ Joe und seine Freundin führten eine Debatte am Nebentisch. Er kommentierte ihre Kritik mit: "kuluchurufenmualekelamekdemech - Jedes Schaf wird auf seinen eigenen Füßen aufgehängt!"

Ich unterbrach die Beiden und fragte ob er mir den Spruch ins Notizbuch schreiben würde. Es schien die perfekte Komplettierung für das Bild zu sein, welches ich gerade malte.

Als ich die arabischen Zeichen auf die große Leinwand kalligraphierte, fühlte ich einen Schmerz. Die Kindheit. Die Grenzen. Das Loch. Bin ich ein Schaf? Ich sah mich selbst an den Füßen baumeln. Was hätte Freud dazu gesagt? Ich suchte nach einem Coach in der nächstbesten Stadt. Wo der Mönchsberg ist, da müssen auch Seelenklempner sein.

"Gut dass Sie am Anfang ihres Lebens kommen, andere kommen erst am Ende." Der Coach schlug mit strengem Blick den Fragenkatalog auf. "Beschreiben Sie das Verhältnis zu ihrer Mutter, das Verhältnis zu ihrem Vater, das Verhältnis zu ihren Geschwistern, zu Nachbars Katze und zur Brokkolisuppe vom Vortag." Mir war schwindelig.

Für 90 Euro pro 50 Minuten gab er mir gelegentlich auch Antworten. "Tun Sie sich Gutes. Sagen Sie 'NEIN'. Akzeptieren Sie, dass man Kunst als Aktien handelt. Der Preis bestimmt den Wert, die Zeit heilt alle Wunden, den Mutigen gehört die Welt. Ich schicke ihnen die Honorarnote per Post!"

Zu Hause saß ich zweifelnd vor der Staffelei. Dem Künstler seine Traumata nehmen? Die gesalzene Rechnung lag eine Weile unverrückt zwischen Farbtuben und Pinseln. Ich starrte sie genauso oft an wie das Bild." Ich bin kein Schaf!" sagte ich mir und vereinbarte ein Abschlussgespräch.

Mit der Honorarnote in der Jackentasche und der Leinwand in den Händen stieg ich in den PostBus nach Salzburg. Wie immer marschierte ich vom Mirabell- zum Hanuschplatz. Dieses Mal als wandelnde Litfaßsäule.

Der Coach runzelte die Stirn, als ich den Monolog über all seine Weisheiten hielt, den ich schließlich mit: "Ich gebe Ihnen mein Bild, dafür zerreißen Sie die Rechnung!" beendete.

Skeptisch musterte er das Werk. Er mochte die Symbolik mit dem Schaf. Eigentlich seien die Wände eh kahl… "Gut dann… Einverstanden!" Ich fühlte mich geheilt.

Ein paar Monate später landete ich in dem Club, wo DJ Joe an den Turntables stand. Er steuerte grinsend auf mich zu:

"Hey, cool dass du gekommen bist! Sorry wegen dem Spruch!"

" Hä?!"

"Naja, weil ich dir auf arabisch 'wenn du mal Lust auf ein bisschen Spaß hast, dann komm bei mir vorbei' ins Notizbuch geschrieben habe!"

Wortlos drehte ich mich von ihm ab und flüchtete an die frische Luft. "Was bin ich nur für ein Schaf" dachte ich und sah mich wieder an den Füßen baumeln.

Dagmar

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Quelle: SN

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