Gewinner-Story #salzburglove

Leben ist mehr

 SN/photo by aditya romansa on unsplash

Es klingt mehr wie ein Quietschen als ein Weinen, wie ein leises schwaches Quietschen, und doch bin ich sofort in dieses flehende Geräusch verliebt. Es ist wie ein Hilfeschrei und ich weiß, dass ich sie Zeit meines Lebens beschützen und ihr durch's Leben helfen will.

Eine Schwester legt sie mir auf den nackten Oberkörper, sodass wir uns Haut an Haut spüren können. Sobald sie auf mir liegt, bahnen sich die ersten Tränen ihren Weg über meine Wangen. Ich will nicht weinen. Ich will stark sein. Ich muss stark sein. Schließlich ist sie diejenige von uns beiden, die gerade darum kämpft zu überleben und nicht ich. Sie, meine Victoria, die ihren Namen zu Recht trägt, meine große Kämpferin. Sie erblickte 95 Tage vor ihrem errechneten Geburtstermin das Licht der Welt. Heute wird sie mir an ihrem achten Lebenstag mit 900 Gramm Körpergewicht zum ersten Mal zum Kangarooing auf den Bauch gelegt. Sie benötigt eine Atemmaske und ist an ihrem winzigen Körper stark verkabelt, weil sie Nahrung und Medikamente auf diesem Weg bekommt. Das ist kein schöner Anblick. Doch in diesem Moment sehe ich sie nicht. Ich spüre sie nur, ihren zarten Körper und wie er langsam auf mir zur Ruhe kommt. Ich habe alle Geräte und den Raum um uns herum ausgeblendet. Das Zimmer 03 der Neonatologie wird noch einige Wochen ihr Zuhause sein. Doch jetzt gibt es nur uns beide.

Ganz sachte lege ich meine Hand auf ihren Rücken. Ich fühle mich sehr unbeholfen und traue mich fast nicht zu atmen in der Angst, sie damit aufzuschrecken. Sie atmet schnell und gleichmäßig. Die Schwester hat mir einen Spiegel gereicht, damit ich mir mein kleines großes Wunder beim Kuscheln ansehen kann. Ich blicke kurz hinein und stelle fest, dass sie nun eingeschlafen ist. Langsam beginnt auch mein Körper sich zu entspannen. Zum ersten Mal traue ich mich wieder tief einzuatmen. Sie schläft weiter.

Meine Augen wandern durch das Zimmer und mein Blick bleibt am Fenster hängen. Da sehe ich sie - wie sie dastehen - am Parkplatz vom Bräustübl. Sie stehen in drei kleinen Grüppchen beisammen vor dem Augustiner Bräu und unterhalten sich. Trauer, Wut und Unverständnis überkommen mich. "Wie könnt ihr da draußen stehen und auch nur daran denken, euch in einen gemütlichen Gastgarten zu setzen, während hier winzig kleine Menschlein darum kämpfen zu leben?", möchte ich ihnen am liebsten über die Straße hinweg zurufen. Wie kann das Leben da draußen völlig unbeeindruckt von dem Überlebenskampf hier drinnen einfach weitergehen? Erneut kullert eine Träne über mein Gesicht.

Seit diesem Tag sind gut acht Jahre vergangen und Victoria hat den Kampf gewonnen.

Das Erlebte rund um die Geburt hat ihre Spuren in mir hinterlassen.

Ich bin jetzt wieder eine von denen, die manchmal nur dastehen und auf jemanden warten, um gemeinsam ins Bräustübl zu gehen. Und ganz gewiss bin ich eine von denen geworden, die immer einen Anlass finden, um das Leben zu feiern. Zum Glück gibt es die kleinen großen Victorias, die uns zeigen, wie wertvoll das Leben ist.

Kaiffer

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