Gewinner-Story #salzburglove

Spurensuche mit Stefan Zweig

Symbolbild SN/photo by jose llamas on unsplash
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Meine erste, längere Begegnung mit Stefan Zweig war sein Roman "Ungeduld des Herzens". Fasziniert von der feinfühligen Schilderung über den jungen Leutnant Anton Hofmiller, dessen gesellschaftlicher Fauxpas das tragische Ende der gelähmten Edith heraufbeschwor, wollte ich mehr über den Mensch Stefan Zweig erfahren.

Kurze Zeit später betrat ich erstmals das Haus Kochgasse 8 in Wien, wo der Dichter glückliche Jahre verbrachte. Ich wohnte ja gleich ums Eck. Der Besuch damals galt primär aber nicht der literarischen Spurensuche, sondern vielmehr der Linderung meiner Rückenschmerzen. Die Praxis für Physiotherapie lag einen Stock unter Zweigs ehemaliger Wohnung.

Einige Jahre und mehrere gelesene Zweig-Werke später übersiedelte ich von Wien nach Salzburg, wie es einst auch der große Literat tat. Es war gerade Festspielzeit und Peter Simonischek brillierte als Jedermann. Einer meiner ersten Spaziergänge führte mich auf den Kapuzinerberg, zum berühmten Gartentürl mit der Nr. 5, hinter dem ein sich wild ausbreitender Garten schemenhaft eine herrschaftliche Villa erahnen lässt. Hier wohnte Stefan Zweig und empfing Freunde wie Richard Strauss oder seinen Dichterkollegen Hermann Bahr. Zu gerne hätte ich das Innere erkundet. Doch das Tor war versperrt und der Mut zum Klingeln war gerade nicht vorhanden.

Ich nahm die Steintreppe auf dem steilen Weg nach unten, bog links in die Linzer Gasse mit Kurs zum Café Bazar am Salzachufer. Hier verbrachte Zweig viele Stunden mit Besprechungen, traf Schauspieler oder sinnierte bei Mokka und Zigarre über die Welt von gestern.

Die Terrasse mit Blick auf die Festung war gut besucht, so entschied ich mich für einen Tisch im Inneren. Ich legte meinen "Magellan" auf den Tisch und ließ mich entspannt auf der gepolsterten Bank nieder. Ein älterer Herr, der sich gerade vom Nebentisch erhob, blickte interessiert herüber und lächelte: "Ein wunderbares Buch!" Und im Gehen ergänzte er noch: "Aber leicht hat er's nicht g'habt, hier in Salzburg". Etwas verlegen grüßte ich dem Mann hinterher und überlegte, wen dieser damit wohl gemeint hat … der Magellan kann's jedenfalls nicht sein …

In Gedanken verloren holte mich Herr Wolfgang liebenswürdig in die Welt von heute zurück, indem er mir Melange und Topfenstrudel mit charmantem Lächeln servierte.

Stefan Zweig wurde in Salzburg nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen. Einen der vielen Steine legte ihm Hugo von Hofmannsthal in den Weg. Ausgerechnet der Mitbegründer der Salzburger Festspiele sorgte dafür, dass Zweig von jeder Teilnahme zu den Vorstellungen ausgeschlossen blieb. Lediglich bei Proben durfte er zusehen, was ihn sehr verletzte.

Über diese tiefe Schmach spricht heute niemand mehr und im Jubiläumsjahr 2020 werden bestimmt einmal mehr die großen Reinhardts und Hoffmannsthals gefeiert. Um einen stillen Großen unseres Landes, wie Stefan Zweig es ohne Zweifel war und ist, wird es in Salzburg einmal mehr bescheiden ruhig bleiben.

Christian Leimer

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