Meine Heldin

Eine emanzipierte Frau

Symbolbild SN/photo by brooke cagle on unsplash
Symbolbild

Sie hat nur vier Klassen Volksschule besucht, hat Zeit ihres Lebens hart gearbeitet, allein einen kleinen Hof mit einer Ziege und viel Wiese bewirtschaftet, im Gasthaus ihres Bruders abgewaschen, einen Krankenhausgarten versorgt.
Am Ende des 2. Weltkrieges gab sie auf ihrem Dachboden bis zu sechs Männern Obdach: abgesprungenen Nazis und desertierten Soldaten; Deutsche, Österreicher. Sie nahm sie alle auf, führte ein resolutes Regiment: Wer Streit sucht, fliegt raus. Niemand flog raus! Küchenabfälle aus dem Gasthaus, geklautes Gemüse aus dem Krankenhausgarten - versteckt in den Taschen ihrer Schürze - verarbeitete sie zu einem Menü, von dem alle satt wurden. Als ein Gendarm kam und nach Deserteuren fragte, verjagte sie ihn: Schau, dass du weiterkommst! Sie tat, was sie für richtig hielt, wohl wissend, dass die Entdeckung ihr Todesurteil bedeutet hätte.
Sie war eine starke, emanzipierte Frau, lange bevor es diesem Begriff gab.
Gabriele Feichtinger

Quelle: SN

Aufgerufen am 26.11.2020 um 11:36 auf https://www.sn.at/leserforum/leserspalte/meine-heldin-eine-emanzipierte-frau-68133568

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