Meine Heldin

Jane Austens spitze Feder

Symbolbild SN/photo by dexter fernandes on unsplash
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Ich war in den brodelnden 60ern ein junges Mädchen, konservatives Bildungsbürgertum, und schon über einen (ohnehin zaghaften) Ausstieg aus weiblichen Konventionen nachzudenken, konnte einen bereits in Konflikte bringen. Hauptsächlich fand das ohnehin nur im Kopf statt und das tatsächliche Leben war dann ganz traditionell, Landleben, Hausfrauendasein und eine Schar Kinder. Aber immerhin konnte man schon lesen und war in eine recht fortschrittliche Schule gegangen. Und die paar Stunden Freizeit, die man sich doch arrangieren konnte, verbrachte man mit Büchern. Und immer wieder gelangten einem da die Werke einer gewissen Jane Austen in die Hände, die vor fast zweihundert Jahren gelebt hatte. Ihr Landleben als eine der Töchter in einem kinderreichen Pfarrhaushalt in England, zu einer Zeit als drüben über dem Ärmelkanal die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege stattfanden, war geprägt von großem Wissensdurst, der in der Familie immerhin geduldet wurde. Und das wiederum veranlasste die junge Frau, die Gesellschaft, in der sie lebte, in einigen, heute inzwischen zur Weltliteratur gewordenen Romanen zu schildern. Vordergründig recht wohlerzogen, aber durchzogen von einem hinreißenden, spitzzüngigen und klugen Humor, der die damalige Welt in ihrer bis heute immer gleichbleibenden Verlogenheit (wenn sich die Themen vielleicht auch ein wenig verändert haben) beschreibt. Und eben dieser Goldene Mittelweg hat sie zu meiner Heldin gemacht, sie benützte keine Wortkeule, sondern ihre spitze Feder, um aufzuzeigen, was alles nicht stimmte. Und dabei ließ sie neben ihrer menschlichen Herzenstugend auch nicht die praktische Vernunft hinter sich. Eine Heldin mit Bodenhaftung.

Nandi Friedel

Quelle: SN

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