Meine Heldin

Meine mutige Tante

Symbolbild SN/photo by asena yıldırım on unsplash
Symbolbild

Es waren die letzten Kriegstage in Wien. In einer Siedlung am Stadtrand lebend, machte sich meine Mutter mit mir Sechsjährigen und dem Winzling Bruder auf die Flucht zu den Großeltern in die Stadt. Nach vielen Stunden Mühsal erreichten wir die Wohnung der Großeltern im Gemeindebau. Wegen der ständigen Fliegerangriffe und des nahen Kanonendonners schliefen wir auf Decken im Kohlenkeller. Als es dort unhaltbar wurde, übersiedelten wir zu meiner Tante, die im Keller ihres Betriebes noch Platz hatte. Sie sagte uns nur, im Nebenraum, mit Decken verhüllt, habt ihr nichts zu suchen. Dann waren die Russen da und wir konnten wieder ins Freie. Wir fragten die Tante, warum nicht in den Nebenraum? Die Antwort: "Dort war ein junge jüdisches Ehepaar mit Baby und zwei Deserteure versteckt." Seitdem ist meine Tante meine Heldin.

Günther Berlach

Quelle: SN

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