Meine Heldin

Sie hat nie ihre Würde und Menschlichkeit verloren

Symbolbild SN/photo by simon rae on unsplash
Symbolbild

Meine Heldin ist meine vor etlichen Jahren verstorbene Großmutter Anna Kerschbaumer. Als junge Frau führte sie ganz allein eine Kurpension mit 15 Zimmern und zog mehrere Kinder groß. Blitzsauber war es da überall, und weil sie sehr sparsam war und wirtschaften konnte, überlebte sie auch die schwierigen 1930er-Jahre. Hitlerbild gab es keines in der Stube, denn meine Oma war sehr katholisch und hielt nicht viel von "dem Geschrei". Eines Tages kam ein Mann in einer Art Uniform herein und kritisierte das Fehlen des Führerporträts. Auf die kühle Antwort der Wirtin, so etwas brauche sie nicht, wurde der Uniformierte wütend: "Das melde ich, das wird Sie teuer zu stehen kommen!" - "Dann melde ich, dass Sie früher kommunistische Broschüren verkauft haben", entgegnete sie schlagfertig. Und damit war der Fall erledigt. Wenig später wurde ihr ältester Sohn eingeladen, in die "Deutsche Heimschule Kreuzberg" in Bischofshofen zu gehen, damals eine Eliteschule der Nazis. Die Mutter wollte sich zuerst anschauen, wohin ihr Sohn da geschickt werden sollte, und als sie den militärischen Drill dort sah, ging sie schnurstracks zum Bezirksleiter und lehnte dankend ab: "Des is nix für mein' Toni". Ich weiß nicht, wie sie die darauffolgenden kleineren und größeren Schikanen ertragen hat, dass ihre Fenster bespuckt wurden, dass sie für ihre halbwüchsigen Buben nie genug zu essen bekam und so weiter. Ich weiß nur, dass sie in all den Jahren nie ihre Würde und ihre Menschlichkeit verloren hat.
Markus Kerschbaumer

Quelle: SN

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