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Ausstieg

 SN/photo by markus spiske on unsplash

Ich stand an der Stirnseite des holzgetäferten Saales, dem Clublokal des örtlichen Rotary-Clubs. Vor mir war ein Notenständer als provisorisches Rednerpult aufgebaut. Ein Teil aus dem kurzfristig organisierten Equipment für Vortragsredner. Ich bediente mich eines Notebooks mit externen Lautsprechern, dessen Regler mein Freund und Coach, Robert, bediente. Mein Vortrag begann mit einem Lied von Wolfgang Ambros. Viele Augenpaare starrten mich an. Sie erwarteten etwas Besonderes. Auf der Ankündigung stand der Titel meines Vortrages: "Vom obdachlosen Alkoholiker zum gefeierten Unternehmer." Starker Tobak für die gut situierten Honoratioren.

Ob Wolfgang Ambros' Song: "Die Kinettn wo i schlof", die Kriterien erfüllte, war nicht erkennbar. Vereinzelt konnte ich ein Schlucken beobachten. Ansonsten war es mucksmäuschenstill. Ich hatte dreißig Minuten zur Verfügung, um in freier Rede über meine Leben zu erzählen. Es sollte wie eine narrative Berieselung wirken, aber auch schonungslos die Höhen und Tiefen im Leben eines hoffnungslosen Säufers aufzeigen.

Ich erzählte den Leuten von meinem Leben als junger Mensch. Als ich mehr Hiebe als Liebe bekam und irgendwann meine steirische Heimat verließ, um in Salzburg das Glück zu finden.

Mein Glück hieß Melitta, sie schenkte mir Martin.

Hier stockte mein Vortrag. Das Erzählen von meiner Lebensgefährtin fiel mir schwer. Sie hatte Suizid begangen und mich mit unserem fünfzehn Monate alten Sohn zurückgelassen. Die Polizei verdächtigte mich, mit ihrem Tod etwas zu tun zu haben. Das Kind wurde von Amts wegen zur Adoption freigegeben. Mein Lebenstraum von Familie, ein Haus zu bauen und eine Firma zu gründen, war mit einem Schlag zerstört. Ich zerfiel im Alkoholismus und landete als Obdachloser auf der Straße.

Ich erzählte von Jahren des Suffs, vom Leben auf der Straße, dem Rotlichtviertel, dem Gefängnis und wie ich mir in der Gosse eine Lungentuberkulose einfing.

Nach Jahren elender Selbstzerstörung war es ein simpler Anruf, bei einer Institution namens Telefonseelsorge, der dem Elend ein Ende setzte. Die Tür in ein würdiges Leben war plötzlich geöffnet worden. Ein Engel hatte mir die Hand gereicht.

Still, aber nicht heimlich, ließ ich mein Luderleben hinter mir und schwang mich auf in ein neues Abenteuer. Dazugehören - war das Zauberwort. Ich fing zu lernen an, holte den Hauptschulabschluss und die Gesellenprüfung nach, absolvierte zum zweiten Mal den Führerschein und heiratete eine Familie. Die Krönung meiner Bemühungen war die bestandene Meisterprüfung. Meine Firma avancierte im Lauf der Jahre, zu einem führenden Unternehmern meiner Wahlheimat Salzburg.

Zum Ende des Vortrags gab es ehrlichen Applaus, aber keine Gage. Stattdessen regte mich der Präsident des Rotary-Clubs an, aus dieser Geschichte ein Buch zu machen. Der hat leicht reden, dachte ich, aber es war ein Ansporn.

Am nächsten Tag habe ich mich endlich angemeldet. Wo? In der Literatur-Akademie.

Ferdinand F. Planegger

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